Es gibt Übungen, die machen Sinn und dann gibt es noch die anderen….
Sitzübung am Fussgängerstreifen
Heute war ich in der Stadt unterwegs. Da gibt es immer sehr viel zu sehen, also hundespezifisch meine ich. Sehr interessant sind zum Beispiel Fussgängerstreifen im Zusammenhang mit Mensch-Hund-Teams. Wie oft beobachte ich Hunde, die in dieser Situation mehr als nur ein Fragezeichen auf ihrer Stirn haben.
Dem kleinen Mischling von heute ging es auf alle Fälle so. Zusammen mit seinem Menschen nähert er sich den gelben Zebralinien. Am Strassenrand ein Leinenruck, gekoppelt mit dem erhobenen Zeigefinger, ich vermute das ist das Sitz-Signal. Den Finger hat der Kleine gar nicht mitbekommen, schliesslich schaut er ja gerade aus. Deshalb dann der Leinenstopp. So weit so gut. Der Hund hat es kapiert, bringt seinen kleinen Popo in Richtung Boden und kurz bevor dieser den Untergrund touchiert, schon wieder dieser Ruck am Hals. Dieses Mal zum Weitergehen über die Strasse. Ein universelles Signal sozusagen. Der Kleine guckt verdutzt und gibt sich alle Mühe, seinem davoneilenden Menschen hinterherzudippeln. Auf der anderen Strassenseite dasselbe Prozedere: Der Mensch reckt seinen Zeigefinger in die Luft, der Hund soll sich schon wieder setzen. Das Fragezeichen auf dem kleinen Hundegesicht ist mittlerweile riesig! Er kapiert tatsächlich nicht, was das nun soll.
Turnübungen gehören in die Turnhalle oder auf den Hundeplatz
Ehrlich gesagt ich auch nicht. Da erkläre mir mal eine/r den Sinn dieser Turnübung. Bleibst du stehen, wenn du auf der anderen Seite des Zebrastreifens angekommen bist? Oder setzt dich gar noch auf den Boden? Ich frage mich ernsthaft, woher dieser Drang kommt, dem Hund derart unsinnige Verhalten abzuverlangen.
Sitzen vor dem Ableinen, wenn der Hundekollege bereits in Spielstellung lauert
Es gibt noch weitere Situationen, wo der Mensch dem Hund den erhobenen Zeigefinger über den Kopf hält und in ein Sitzen kommandiert. Der Klassiker unter all diesen Sitzübungen ist das Ablein-Prozedere. Vor allem bei jungen Hunden gerne praktiziert. Der Youngster auf vier Pfoten kann noch kein gefestigtes Sitzen unter Ablenkung, seine freudige Erwartung auf den Freilauf ist gross. Vor allem dann, wenn der Hundekollege bereits in der Vorderkörpertiefstellung auf der Wiese wartet. Dein Hund senkt minim sein kleines Hinterteil, hört gleichzeitig den Karabiner klicken und weg ist er. So viel zu einem sicheren Aufbau des Verhaltens Sitzen.
Sitzen als Korrekturmassnahme
Sehr gerne nimmt der Mensch das Sitz-Signal auch als vermeintliche Korrektur beim Leinenziehen. Der Hund geht ans Ende der Leine, der Mensch ruft SITZ. Im besten Fall tut der Hund das auch, nur um gleich wieder aufzustehen und an das Ende der Leine zu rennen, sobald diese wieder locker ist. Du erahnst, welches Signal gleich vom Menschen kommt?
Sitzen beim Auto zu, während du deine Sachen zusammensuchst
Für mich der absolute Sitz-Hit ist das Aussteigen aus dem und Warten beim Auto. Der Mensch wiederholt mantramässig sein SITZ, während er selber noch seine Ausrüstung zusammensucht und hektisch um das Auto kreist. Der junge Hund hat keinen Plan, wuselt hierhin und dorthin, dazwischen immer wieder dieses SITZ. Weg kann er ja nicht, da er an der Leine hängt. Ich frage dich an dieser Stelle: Macht es nicht definitiv mehr Sinn, deinen Welpen oder Junghund im Auto warten zu lassen, bis du dich selbst organisiert hast und startklar bist?
Und jetzt noch das Sitzen vor der Hauptmahlzeit
Ungeschickt im Aufbau finde ich zudem die Übung Sitzen vor dem Futternapf bei den Hauptmahlzeiten. Mit Sicherheit der schwierigste Moment im Tagesablauf eines hungrigen jungen Hundes, um das Sitzen und Warten zu praktizieren.
Natürlich darf und soll dein Hund lernen, sich zurückzunehmen und sich nicht wie eine Furie auf den Napf zu stürzen. Mit Sicherheit kann er irgendwann auch Sitzen, während du seine Futterschüssel mit den Leckereien auf den Boden stellst.
Nur ist das Sitzen vor dem gefüllten Napf mit einem grossen hungrigen Loch im Bauch mitunter die höchste Lernstufe überhaupt für deinen jungen Hund.
Zeigt dein Welpe von sich aus ein Sitzen, fang das Verhalten mit loben ein
Sehr oft höre ich den Satz: Mein Welpe kann schon SITZ. Ja klar, der sitzt, weil dann sein Kopf höher oben ist und er mehr Übersicht hat. Das nennt man Aufmerksamkeits-Sitz. Ist doch wunderbar. Freu dich darüber und lobe deinen kleinen Welpen herzlich. Du wirst staunen, wie oft er in Zukunft von sich aus seinen kleinen Hintern auf den Boden bringt, wenn es sich für ihn sehr lohnt.
Unsere Hunde geben sich echt viel Mühe
Unsere Hunde geben sich ganz offensichtlich sehr viel Mühe, all den vielen Sitz-Aufforderungen im Alltag nachzukommen. Hast du auch schon bemerkt, dass sogar wildfremde Leute draussen zu deinem Hund sagen: Mach mal schön sitz und mit dem Zeigefinger vor deinem Hund rumfuchteln? Oder neulich im Hundefachgeschäft an der Kasse sagt die Fachangestellte zu einem Welpen: «Willsch es Gudi? Denn muesch sitze.» (Übersetzung: Möchtest du einen kleinen Snack? Dann musst du dich hinsetzen.) Die Übersetzung für den Welpen hat leider gefehlt. Der wollte natürlich das Gudi und fand hochspringen zielführender als sitzen. Das Gudi hat der dann trotzdem bekommen.
Ansonsten lass einfach mal Fünfe gerade sein und deinen jungen Hund im Stehen. Kniebeugen im Sekundentakt machen deinem Hund genau wie dir keine Freude und mit Sicherheit keinen Sinn.
In diesem Sinne:
«Sitzen soll auch für deinen Hund eine sinnvolle Angelegenheit sein».
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