Wie wichtig ist dir deine Privatsphäre?
Auf diese Frage wirst du mit hoher Wahrscheinlichkeit antworten, dass es dir ganz wichtig ist, deinen privaten Raum zu schützen. Mir geht es auf alle Fälle so. Und ich bin sicher, dass du dich auch schon sehr unwohl gefühlt hast, weil eine andere Person etwas von sich Preis gegeben hat, das eher für den kleineren Rahmen bestimmt gewesen ist.
Oder weil dich jemand bei etwas beobachtet hat, das eher privater Natur ist. Zum Beispiel in der Nase bohren oder im Zug einschlafen und mit offenem Mund schnarchen. Alles nicht so tragisch, finde ich.
Stell dir mal vor ...
Was mir aber definitiv leid tut ist, wenn Tiere in sehr intimen Situationen fotografiert oder gar gefilmt werden. Stell dir vor, du befindest dich gerade in solch einer intimen Situation mit deinem Partner oder deiner Partnerin und jemand zückt die Kamera, um diesen Moment festzuhalten. Sozusagen als Vorankündigung auf die Geburt, die dann in neun Monaten stattfinden wird. Ab damit ins Internet, damit sich die ganze Verwandschaft und wer es sonst noch wissen möchte, auf das bevorstehende Ereignis freuen kann. Tönt absurd oder etwa nicht?
Auch Tiere haben ein Recht auf Privatsphäre
In der durch den Menschen geschaffenen Tierzucht ist das offenbar nicht ganz so klar. Ich frage mich, wieso solch innige Momente öffentlich gemacht werden müssen. Sind wir als Gesellschaft derart voyeuristisch veranlagt, dass wir unsere Haustiere beim Deckakt fotografieren und auf die Zuchtseite stellen müssen? Nie käme mir in den Sinn, eine meiner Hündinnen in einem derart intimen Moment zu filmen und das Video auf YouTube hochzuladen. Oder gar ein Zeugungsfoto als Blickfänger für zukünftige WelpenbesitzerInnen auf der Zuchtseite zu präsentieren.
Die Fremdbestimmung zieht sich durch alle Lebensbereiche unserer Hunde
Für mich ist das Ausdruck einer extremen Instrumentalisierung und Kommerzialisierung unserer Mitlebewesen. Wieso reicht es nicht, den zukünftigen Welpen-Vater vorzustellen und ein nices Foto von ihm ins Netz zu tun? Ich stelle mir gerade vor, wie sich die zwei Hunde unter beobachtenden Blicken und mit gezückten Handykameras aufeinander einlassen sollen.
Unsere Aufgabe ist es, den Tieren Schutz zu bieten und ihre Würde zu wahren
Wir leben in einer Zeit, in der alles öffentlich gemacht wird. Dadurch haben wir das Gefühl für die Privatsphäre eines Mitlebewesens offenbar verloren. Unsere Tiere sind bis in den intimsten Lebensbereich hinein fremdbestimmt. Für mich hat das wenig mit Tierliebe und Fürsorge zu tun. Liebe und Sorge tragen heisst für mich, dem Gegenüber Schutz zu bieten, sich hineinzufühlen, seine Bedürfnisse wahrzunehmen und seine persönliche Integrität zu wahren und zu achten.
Unsere Hunde folgen unserer Bestimmung, im tatsächlichen Wortsinn
Wenn ich mir das so überlege, sind unsere Hunde wahrscheinlich die am meisten fremdbestimmten Haustiere überhaupt. Gerade weil sie so eng mit uns Menschen zusammenleben, kontrollieren wir sie in fast jedem ihrer Lebensbereiche und das beinahe 24 Stunden am Tag. Und hoffen natürlich, dass wir das zu ihrem Wohl tun, weil wir ja das Beste für sie wollen.
Lass dein Handy in der Tasche
Je unselbständiger der Hund, desto einfacher für den Menschen. Je angepasster der Hund, desto eitler ist der Sonnenschein. Und doch gibt es für mich Grenzen. Nämlich dort, wo der Hund einfach Hund sein darf, ohne dass er ungewollt zum Hauptdarsteller oder zur Hauptdarstellerin in einem YouTube-Video wird.
Lieber Mensch, lass deinem Hund bitte den kleinen Rest Intimität und steck dein Handy in die Tasche. Du hast den Vater der zukünftigen Welpen ausgesucht, du hast bestimmt, dass die Hündin Mutter werden soll, du hast das Treffen arrangiert und jetzt ist aber auch gut.
Respektiere bitte, dass auch Hunde ein Anrecht auf Privatsphäre haben. Das Foto des Deckaktes gehört für mich definitiv nicht in die Öffentlichkeit.
Ich bin sicher, die zukünftigen WelpenbesitzerInnen freuen sich trotzdem auf ihren kleinen Welpen, auch wenn sie ihm erst nach acht Wochen Tragzeit und vier Wochen Mutterschaft zum ersten Mal begegnen werden.
In diesem Sinne:
«Es gibt Momente, die sind zu intim, als dass sie in ein Handy passen, auch bei unseren Hunden.»
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