Wenn die Retriever-Leine zum Erziehungstrend mutiert
... kann es für den Hund sehr schmerzhaft werden.
Was genau ist eine Retriever-Leine oder Moxon-Leine?
Eine Retriever-Leine ist eine Leine, die aus einem Stück Tau besteht, also Halsung und Leine in einem, die in der Schweiz zwingend mit einem Zugstopp versehen sein muss und bei der zudem eine gewisse Dicke vorgeschrieben ist. Der Stoppring dient dazu, die Halsung grössengerecht zu begrenzen. Am Ende der Leine hat es eine Handschlaufe zum Festhalten der Leine. Und nicht um den Hund an der Leine festzuhalten.
Einsatz und Vorteil einer Retriever-Leine
Eine derart gestaltete Leine wurde für die Jagd entwickelt. Der Hund kann nach dem Schuss mittels einer einfachen Handbewegung von der Leine befreit werden, um seine Arbeit zu erledigen. Bei den Retrievern ist das vor allem das Einsammeln der Enten oder Vögel nach dem Schuss.
Für mich hat die Retrieverleine noch weitere Vorteile: Sie ist handlich und leicht, ich kann sie mal schnell meinen Hunden überstülpen, wenn Leinenpflicht angesagt ist oder wir in der Stadt unterwegs sind. Zudem bin ich kein Fan von Halsbändern oder Brustgeschirren, wenn die Hunde miteinander unterwegs sind und frei interagieren.
Und jetzt das grosse ABER
Ich habe bereits an anderer Stelle geschrieben, dass ich das «Neben-mir-Gehen oder schöner «Mit-mir-Gehen» nicht über die Leine definiere, sondern über ein Wortsignal. Es spielt folglich für meine Hunde im Prinzip keine Rolle, ob sie eine Leine dran haben oder nicht, weil ich sie nie daran festhalte oder sie über die Leine dazu zwinge/bringe, neben mir zu gehen. Wäre dem so, müsste ich definitiv das Gehen neben mir nochmals ganz gut über positive Verstärkung aufbauen. Und sie trügen mit Sicherheit immer und in jedem Fall ein Brustgeschirr! Und auch im Aufbau meiner Welpen- und Junghunde tragen alle nur Brustgeschirre. Das vermittle ich übrigens auch an meine Mensch-Hund-Teams.
Leinenhandling will gelernt sein, auch unter schwierigeren Umständen
Natürlich kann ich nachvollziehen, dass man beim ersten Hund noch alle Hände voll zu tun hat mit der Leine, den Gudis, dem richtigen Timing und einem geschickten Handling mit der Leine. Da passiert es sicher ab und an, dass man zu spät ist und der junge Hund bereits am Ende der Leine angekommen ist oder sich sogar mit einem Satz oder Sprint dorthin begeben hat, um zu einem Hundekollegen zu gelangen, den Nachbarn zu begrüssen oder den Vogel zum Fliegen zu bringen.
Der Gesundheit deines Hundes Sorge tragen
Hängt sich dein Hund mit vollem Gewicht und voller Beschleunigung in sein gut sitzendes Brustgeschirr, ist das vermutlich nicht gerade das Highlight der Gefühle, aber er trägt keinen bleibenden Schaden davon. Rast dein junger Hund mit einem Satz in die Halsung einer Retriever-Leine, ist das für die empfindlichen Strukturen am Hals deines Hundes mit hoher Wahrscheinlichkeit gesundheitsschädigend. Dasselbe gilt für das Führen am Halsband.
Röchelt dein Hund bereits oder führst du noch?
Ich frage mich des Öfteren, was in einem Menschen vorgeht, der hinter seinem zerrenden und röchelnden, an einer Retriever-Leine oder Halsband hängenden Hund hinterherstolpert. Das Geräusch tönt doch wie kurz vor dem Ersticken. Wie kann man das überhören? Oder wenn man es hört, einfach hinter dem sich beinahe strangulierenden Hund weitergehen?
Beweggründe für den Gebrauch einer Retriever-Leine bei einem noch nicht leinenführigen Hund
Heute habe ich dieses Retriever-Leine-typische-Röcheln schon wahrgenommen, bevor der Labrador um die Ecke gebogen, respektive gestürmt ist. Wenigstens konnten wir uns, dem Röchelgeräusch sei Dank, etwas an den Wegrand begeben. Ehrlich, ich nehme mich fast immer zurück, wenn ich nicht arbeite. Aber heute ging es einfach nicht. Zuviel Röcheln. Also frage ich höflich, ob es nicht sinnvoller wäre, einen offensichtlich jungen, noch sehr stürmischen, sehr menschenaffinen Hund an einem Brustgeschirr zu führen, anstatt ihn beinahe zu erwürgen.
Es folgt an dieser Stelle eine Multiple-Choice-Aufgabe für dich mit den möglichen Antworten der Hundehalterin:
a) Ich habe tatsächlich das Brustgeschirr zu Hause vergessen. Normalerweise geht er am Geschirr.
b) Er soll schliesslich merken, dass es Schmerzen bereitet, wenn er zieht. Dann hört er damit auf.
c) Wir machen Dummy-Arbeit. Da wird nur an dieser Leine geführt.
d) Normalerweise zieht er nie. Weiss gar nicht, weshalb gerade jetzt. Das muss an Ihren Hunden liegen. Die hat er gerochen.
e) Ich kann ihn am Brustgeschirr nicht so gut halten. Er ist bereits so kräftig.
f) Er mag keine Brustgeschirre und versteckt sich zu Hause.
g) Das war mir nicht bewusst, danke für den Hinweis. Wir werden das lockere Gehen am Brustgeschirr neu aufbauen.
Schon mal vorneweg, Antwort g) ist es ganz bestimmt nicht. Am häufigsten hörst du vermutlich Antwort b). Auch e) ist eine gängige Variante.
Ich lass' das jetzt einfach so stehen. Was ich dir aber gerne mitgeben möchte, ist meine Motivation, meinen Kunden und deren Hunden zu vermitteln, dass es sehr toll ist, miteinander zu gehen und die Übung «Gehen beim Menschen» mindestens so verbindend ist, wie den Hund auf ein Dummy zu schicken oder den Rückruf zu trainieren oder ihn Sitz und Platz machen zu lassen. Und mit «verbindend» meine ich tatsächlich auf einer emotionalen Ebene und nicht erzwungen durch ein farbiges, bis zum Zerreissen gespanntes Tau mit Halsschlaufe.
Was gibt es Schöneres, als ein Team zu sehen, wo der Hund freudig und vertrauensvoll mit lockerer Leine oder frei neben seinem Menschen geht, beide mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht.
Sehr gerne unterstütze ich dich und deinen vierbeinigen Freund auf diesem Weg.
In diesem Sinne:
«Lass das gemeinsame Gehen an der Leine zu eurem persönlichen Highlight werden.»
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