Sammeln von tollem Verhalten statt Fehlerkultur
Wenn du gar nicht weisst, was von dir erwartet wird
Erinnerst du dich an eine Szene oder Situation aus deiner Kindheit, wo du ungerechterweise für etwas zurechtgewiesen wurdest? Vielleicht ist dir auch erst kürzlich etwas widerfahren, das du als sehr unfair erlebt hast. Nimm für einen kurzen Moment wahr, wie du dich in dem Moment gefühlt hast. Hast du dich erschrocken ob der möglicherweise harschen Reaktion deines Gegenübers? Bist du innerlich für eine Schrecksekunde eingefroren? Und wie ging es dir danach? Warst du traurig oder wütend? Oder hast du dich gar ohnmächtig gefühlt?
Wer meine Blogs kennt, weiss, was jetzt kommt: Das alltagsnahe Beispiel aus der Hundewelt
Wir waren heute an der Thur, viele Menschen, viele Hunde. Habe ich tatsächlich nicht eingeplant mit der Sommerzeit. Wir sind voll in «Picknick-World» gelandet. Ein krasser Gegensatz zu unseren ruhigen Thur-Tagen der vergangenen Woche. Nichts mehr mit Chillen am Ufer und die Seele baumeln lassen.
Wir befanden uns schon auf dem Weg zum Auto, als zirka 200 Meter vor uns eine Gruppe junger Leute ihre Angelsilke in die Thur warf. Der hübsche Weimaraner, der durch eine Leine gesichert an seinem Menschen hing, hatte uns natürlich schon längst erblickt. Er schaut zu uns und sein Mensch schaut auf das Wasser. Wir beginnen schon mal einen Bogen zu laufen, ich sortiere die Hunde neben mir ein, auf der dem Hund abgewandten Seite.
Der Weimaraner gibt sich echt viel Mühe
Ich muss schon sagen, der Weimaraner hat die Situation zu Beginn echt toll gemanaged. So ganz sich selbst überlassen. Sass ruhig da, hat einfach nur geschaut. Kein Fixieren, kein Lauern. «So ein schönes Verhalten», geht mir durch den Kopf, «das gehört definitiv verstärkt.» Denkste, der Mensch ist immer noch mit seiner Angel am Werk und auch der Rest der Gruppe hat wohl vergessen, dass sie auch ein Tier mit Fell dabeihaben. Ich hätte dem Weimaraner am liebsten meine ganze Guditasche hingeworfen, weil er sich so lange hat beherrschen können.
Irgendwann ist es auch dem Weimaraner zuviel
Aber irgendwann war dann auch seine Impulskontrolle aufgebraucht. Und nun folgt der Klassiker: Wie wir auf seiner Höhe angekommen sind, so weit weg als möglich, hängt er sich mit einem Satz und Gedönse in die Leine. Logisch, oder etwa nicht?
Und die Strafe folgt sogleich
Der bis anhin ignorante Angler schnellt herum und massregelt verbal und mit Leinenruck seinen Hund. Echt jetzt! Das ganze schöne Verhalten des Weimaraners geht die Thur hinab. Ich halte mich fast zurück, sage noch etwas wie: «Schönes Verhalten loben.» Und: «Da kann der Hund jetzt gar nichts dafür, wenn der Mensch sich den Fischen widmet.» Nur um festzustellen, dass auch meine Intervention in der Thur gelandet ist, war ja eh klar.
Und der Weimaraner weiss mit Sicherheit nicht, weshalb er gerade abgestraft wurde. Schliesslich hat er einfach seinen Job gemacht und uns angemeldet.
Was denkst du, wie oft er das zuvor ruhige Verhalten in Zukunft noch zeigen wird? Bin da auch eher pessimistisch eingestellt.
Hunde schenken uns so viele schöne Verhalten
Das meine ich mit Fehlerkultur. Hunde zeigen im Prinzip den ganzen Tag ganz viele schöne Verhaltensweisen. Sie kommen im Freilauf von sich aus zu ihrem Menschen gerannt, lassen die Pferdeäpfel am Wegrand liegen, deeskalieren in einer Hundebegegnung, indem sie die Nase schnüffelnd auf den Boden senken, gehen an der lockeren Leine ein paar Meter mit, suchen immer wieder Blickkontakt, zeigen Wildspuren an, melden fremde Hunde mittels Wuffeln oder warten bei der nächsten Weggabelung auf ihren Menschen.
Und was macht der Mensch?
Sehr oft nichts. Ich habe zwei Theorien dazu: Der Mensch ist mit sich selbst so beschäftigt, dass er das tolle Verhalten gar nicht mitbekommt. Oder: Der Mensch denkt, dass das einfach selbstverständlich zum Verhaltensrepertoire seines Hundes dazugehört. Und wenn mal etwas nicht passt, folgt die Strafe subito aus heiterem Himmel für den Hund. Wie doof muss es für ein Lebewesen sein, nie genau zu wissen, wann die nächste Fallgrube sich auftut. Und wie frustrierend, so viele tolle Verhaltensvariabilitäten an den Tag zu legen, ohne dafür gelobt zu werden.
Leg den Fokus auf Verhalten, das dir gefällt
Mal ehrlich: Würden wir den Fokus auf Verhalten legen, das uns gefällt, und unserem Hund das auch so vermitteln, gäbe es viel weniger der sogenannten Problemverhalten. Bevor der Hund bellt, zeigt er ruhiges Verhalten. Bevor der Hund sich in die Leine hängt, ist die Leine locker. Bevor der Hund die Pferdeäpfel mampft, muss er sie zuerst finden und sichten.
Setzt voraus, dass du aufmerksam unterwegs bist anstatt zu angeln
Wenn wir mit unserer Aufmerksamkeit bei unserem Hund sind und nicht – symbolisch gesprochen – am Angeln, erübrigt sich vieles, was als Problem bezeichnet wird. Weil die Situation gar nicht eskaliert, weil du vorausschaust und mitdenkst.
Fang gleich morgen mit dem Sammeln von tollem Verhalten an
Ich weiss, dass du nur das Beste für deinen Hund möchtest und dass dir eure Beziehung am Herzen liegt. Fang doch gleich heute nach dem Aufwachen damit an, den Tag mit Sammeln zu beginnen. Du sammelst tolles Verhalten, das dein Hund dir schenkt. Mach dir bewusst, wie oft du deinen Hund belohnen kannst, wie oft er ein ehrlich gemeintes Lob von dir bekommt. Wenn ihr draussen unterwegs seid, geniesse diese Zeit zusammen, freu dich darüber, dass du so einen wunderbaren Freund an deiner Seite hast. Beobachte deinen Hund, lerne ihn kennen, teile seine Welt und lass ihn an deiner teilhaben. Lass Fehler dort, wo sie hingehören, richte deine Aufmerksamkeit auf das, was euch verbindet und weniger auf das, was euch trennt.
In diesem Sinne:
«Werde zur Sammlerin von tollem Verhalten und leg die Fehlerbrille ab.»
- Aufrufe: 1105