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Was es mit Kulturtechniken und deinem Hund auf sich hat

Auf dem Hintergrund unserer Kulturtechniken
In welcher Kultur bist du aufgewachsen? Ich nehme jetzt mal an, dass du der europäischen Kultur angehörst, weil du gerade jetzt diesen Blog in deutscher Sprache liest. Wenn ich dich frage, was du denn unter deiner Kultur verstehst, oder was deine Kultur von einer anderen Kultur unterscheidet, könntest du mir sicher einiges aufzählen:

Wir feiern Weihnachten; wir essen mit Messer und Gabel; wir haben Trachten in unserer Kultur und einige von uns beherrschen das Jodeln. Wir haben in unserer Kultur Konzepte darüber, wie man Probleme löst. Und diese Konzepte sind wiederum davon abhängig, welche Techniken wir nutzen und einsetzen, um ein Problem zu bewältigen oder eine Fragestellung für eine Allgemeinheit zu klären.
Lass uns nochmals kurz bei den Kulturtechniken bleiben: uns allen ist klar, wie man ein Handy benutzt, wie man eine Mikrowelle bedient oder wie man ein Auto zum Fahren bringt. Die Grundfähigkeiten dazu werden uns von Kind an vermittelt. Wir lernen, auf Knöpfe zu drücken, Bauklötze systematisch einzuordnen oder mit einem Malstift auf ein Papier zu zeichnen. Heute lernt ein Kind schon bald, seine Finger über ein Tablet zu bewegen, oder seine Gutenachtlieder auf einem Handy abzuhören.

Auch unsere tierischen Freunde haben ihre Kulturtechniken verfeinert
Soweit so gut. Wir alle sitzen seit Urzeiten nicht mehr auf den Bäumen. Und selbst diejenigen, die noch auf den Bäumen sitzen, also unsere direkten Verwandten, die Affen, haben sich gewisse Kulturtechniken bei uns abgeschaut. Da gibt es Affen, die mit Seife hantieren oder Werkzeuge benutzen, um Dosen zu öffnen. Oder Vögel, die Nüsse von hoch oben runterfallen lassen, damit die Schale zerbricht, und der feine Kern zum Verzehr erscheint. Und dieses Wissen wird – wie bei uns –, an die nächste Generation weitergegeben und geht je nach dem sogar in das kulturelle Erbe einer Gruppe oder einer Art ein. Praktisches Wissen, das einem den Alltag leichter und angenehmer macht, stösst somit auch im Tierreich auf offene Augen und Ohren. Das ist ja alles einleuchtend. Tiere entwickeln somit auch völlig unabhängig von einem  menschlichen Vorbild ganz eigene Techniken, die innerhalb ihrer eigenen Gruppe oder Familie weitergegeben werden und mit der Zeit sogar in ihr Erbgut einfliessen.

«Kynologische Kulturtechniken» unter der Lupe
Was nicht ganz einleuchtet, ist die Grundannahme, dass unsere Hunde eine Art Kulturerbe in sich tragen, in welchem sich gewisse «kynologische Kulturtechniken» evolutionär manifestiert haben. Also im Hund, nicht im Menschen. Der Mensch hat sich in all den Jahren der Domestikation unserer Haustiere (da gehören für mich auch alle «Nutz»-Tiere dazu) ganz spezifischer Kulturtechniken bedient. Denken wir an das Satteln eines Pferdes, das Anlegen eines Zaumzeuges; das Melken von Kühen; das Vorspannen eines Esels an einen Fuhrwagen oder das Umlegen eines Halsbandes mit einer Leine daran für unsere Hunde.
Da uns das Thema Hunde beschäftigt, bleiben wir doch gleich dabei. Seit das Halsband mit einem Seil dran erfunden wurde, werden Hund daran festgemacht. Das Brustgeschirr ist eine spätere Errungenschaft und wohl erst in den letzten Jahren glücklicherweise zum Favoriten mutiert.

Fast schon eine kulturelle Sprache in der Kommunikation mit Hunden
Wir haben ein Vokabular entwickelt, das schon fast eine eigene kulturelle Sprache ist. Ein kulturelles Erbe sozusagen, das über Generationen – von Menschen – weitergegeben wird. FUSS heisst für den Menschen, dass der Hund an seiner Seite geht. SITZ heisst für den Menschen, dass der Hund sein Hinterteil zum Boden bringt. PLATZ, darauf soll sich der Hund hinlegen. GIB LAUT, da wird ein Bellen erwartet. Der Mensch ruft PFUI und der Hund soll spucken, was er im Fang hat. Dann gibt’s noch die «stillen» Signale: Finger hochalten, bedeutet SITZ. Oder Handfläche zum Hund meint WARTEN. Aber das fast meistgebrauchte Wort ist PFUI, gefolgt von AUS und HIER.

Und nun der Haken an der Geschichte
Nun kommt der klitzekleine Haken, an welchem Du deinen Hund immer wieder aufhängst. Der Hund verfügt leider NICHT über dieses sprachlich vererbte und über Generationen weitervermittelte Kulturgut. Keine Welpenmutter erklärt ihrem Sprössling, was es bedeutet, wenn der Mensch FUSS sagt. Oder HIER trompetet. Und nein, das ist leider auch nicht genetisch fixiert. Wieso geht der Mensch von so einer Grundannahmen aus? Genetisch fixiert ist die Bereitschaft, eine Bindung einzugehen und sich vertrauensvoll seinem Menschen anzuschliessen. Genetisch fixiert ist die Neugier und das Erkundungsverhalten, welches den Welpen dazu animiert, seine Wurfkiste zu verlassen und auf Entdeckungsreise zu gehen. Genetisch fixiert ist das Sozialverhalten, welches den Welpen Freundschaften schliessen lässt, auch zu seinem Menschen.

Ein Lernprozess über Monate
Alles andere lernt dein Hund mit dir zusammen in den folgenden Wochen und Monaten. Und irgendwann versteht dein Vierbeiner dann auch bestimmte Signale, die Du immer wieder benutzt und ihm über positive Verstärkung näherbringst.
Auch das Gehen an der Leine ist für deinen Liebling eine sehr artfremde Angelegenheit. Und keine über Generationen vererbte Kulturtechnik, wie häufig leider angenommen wird. Es gibt auch kein Gen, das im Gehirn deines Hundes auf das Leinelaufen programmiert ist, genauso wenig gibt`s ein Rückrufgen.
Ihr werdet in den kommendne Wochen und Monaten zusammenwachsen und eine gemeinsame «Sprache» finden. Das ist dann sozusagen euer ganz eigenes und kleines «Kulturgut», das zur gegenseitigen Verständigung beitragen wird.

In diesem Sinne:

«Viel Freude euch beiden am Entdecken eurer ganz eigenen ‹Mensch-Hund-Kultur›»

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