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Lass die Leine zur feinen Verbindung zwischen euch werden

Selbstversuch mit Hundeleine
Gerne möchte ich dich wieder einmal zu einem kleinen Selbstversuch einladen. Am besten planst du dafür fünf Minuten ein, denn mehr wirst du emotional kaum schaffen. Die Testanlage ist folgende: «Du fragst einen Menschen deines Vertrauens, ob er oder sie dir gerne behilflich sein mag.»

Die Übung schaut folgendermassen aus
Dann nimmst du eine Hundeleine und wickelst das eine Ende um deine Taille. Eine 3m-Leine sollte ausreichend sein (ohne dir jetzt zu nahe zu treten). Das andere Ende der Leine gibst du deiner/m Assistentin/en in die Hand.

Jetzt musst du kurz weglesen, weil nun die Instruktion für die Assistenz kommt: «Du gehst mit deinem angeleinten Menschen los und stoppst einfach zwischendurch ohne Vorankündigung oder wechselst genauso unerwartet die Richtung. Im Weiteren ruckst du immer mal wieder kräftig an der Leine, so dass dein Mensch etwas aus dem Gleichgewicht kommt oder zieh den Menschen aprubt an der Leine zu dir heran. Mach das Ganze bitte ohne viel zu reden. Wir treffen uns in 10 Minuten wieder hier.»

Auch wenn du jetzt geschummelt hast ...
Ich vermute, du hast geschummelt, gleich beide Anweisungen gelesen und sitzt immer noch vor deinem Bildschirm oder Handy. Das ist auch okay. Sei ehrlich: Tönt doch eher unangenehm, so durch die Gegend gezogen zu werden? Und nun stell dir bitte kurz vor, wie viel unangenehmer es noch sein könnte, wenn du die Leine anstatt um deinen Bauch, um deinen Hals gewickelt hättest. Genau, ziemlich krass. Und genauso krass ist es für einen Hund, wenn sein Mensch die Leine als Zupfinstrument oder besser als Ruckinstrument und als Festhaltevorrichtung nutzt.

Mein Verständnis von Leine
Ich verrate dir nun mein Verständnis von der Leine: Die Leine ist kein Kommunikationsmittel für mich, wie das öfters mal beschrieben wird. Die Leine ist für mich ein Seil oder Band, das ich in den Händen trage, wenn es gerade angezeigt ist, meine Hunde anzuleinen. Ich kommuniziere mit meiner Stimme, meiner Stimmung und mit meiner Körpersprache. Dazu brauche ich keine Leine. Wenn meine Hunde an der Leine gehen, habe ich nichts weiter als das Eigengewicht der Leine in der Hand. Ich ziehe nicht an der Leine, ich rucke nicht an der Leine und schon gar nicht halte ich meine Hunde an der Leine fest. Die Leine wird zu einem integrierten Bestandteil zwischen uns. Wie ein Tanz an einem unsichtbaren Faden. Und wenn wir in diesem Sinne von Kommunikation reden, stimmt das für mich dann auch, weil wir in Ver-Bindung sind. Nicht im Sinne von anbinden, sondern im Sinne von Bindung/Beziehung.

Die Leine hat auch einen Sicherheitsaspekt
Je nach Hund und Vorerfahrung dient eine Leine natürlich auch als Sicherheitsanker, sowohl für den Hund wie auch für das Umfeld. Eine Art Fallschirm, wenn der Hund sich erschreckt und wegrennen will. Und als Sicherheitsgurte an Strassen oder in unübersichtlichem Gelände. Oder weil deine Hündin läufig ist oder weil dein Hund eine Verletzung hat und auf keinen Fall lostraben soll. Oder weil ihr in den Bergen unterwegs seid und das Gelände steil ist; oder weil dein Hund ein passionierter Jäger ist. Oder weil die Leine deinem noch unsicheren Hund ein gutes Gefühl mit dir zusammen gibt.

Und sie soll etwas Positives sein für dich und deinen Hund
Was ich damit sagen will: Ich bin absolut keine Leinengegnerin. Aber ich bin sehr dagegen, dem Hund an der Leine unangenehme Empfindungen und Gefühle bis hin zu Schmerzen zu verschaffen. Unsere Hunde sollen die Leine als etwas Tolles erfahren, gerne kommen, wenn sie angeleint werden, keine emotionale und körperliche Einschränkung erleben dadurch. Woran erkennst du, dass dein Hund die Leine positiv verknüpft hat? Indem er zu dir kommt, wenn du die Leine in den Händen hast und nicht vor dir herumtanzt und fang-mich spielt. Wenn die Leine jedes Mal das Vergnügen für den Hund beendet und zu einer einschränkenden Massnahme führt, wird der Hund auch genau diese Verknüpfung abspeichern. Das kannst du gut verändern, indem du mit deinem Hund zusammen angeleint coole Sachen machst, wie über einen Baumstamm balancieren, Gudis suchen im Gras, Käsestücke aus einer Baumrinde holen, ein gemeinsames Rennspiel machen etc. und ganz sicher viel belohnen, wenn dein Hund entspannt neben dir hergeht. Anleinen just for fun und wieder ableinen soll das Motto sein.

Wie wird die Leine im Alltag eingesetzt?
Im Alltag und in Trainingssituationen wird die Leine oft als limitierendes und aversives Instrument ge-hand-habt. Da werden in Übungssituationen die Reize so hoch angesetzt, dass die Hunde einspringen (Begriff aus der Dummyarbeit: losrennen ohne Signal), weil sie überfordert sind. Und was passiert? NEIN! gefolgt von einem Leinenruck. Der Hund weiss dann mit Sicherheit ganz genau wofür. Oder der junge Hund fiept beim Warten, weil die Übungssituation zu schwierig gestaltet ist. Anstatt das Setting zu verändern oder den jungen Hund zu loben und das noch ruhige Verhalten zu verstärken, steht der Mensch passiv daneben und guckt in die Landschaft. Um dann mit einem Leinenruck nach oben, gefolgt von einem scharfen NEIN! oder FERTIG! oder AUS! das Fiepen vermeintlich «abzustellen». Wieder sehr unfair findet der Hund. Ich übrigens auch.

Auf Spaziergängen dient die Leine leider oft dazu, den Hund davon abzuhalten, dieses oder jenes zu tun: Zu einem anderen Hund hinrennen, etwas vom Boden aufnehmen, sich in der Gülle wälzen, stehenbleiben und an einem Grashalm schnüffeln. Der Mensch definiert, was der Hund tun oder lassen soll. Schliesslich hat er die Leine in der Hand und somit das Sagen. Und einmal mehr wird die Leine mit Frust verknüpft. Natürlich gibt es auch Hunde, die den Dreh raus haben und den Menschen im Schlepptau hinter sich herziehen. Auf alle Fälle ist beides nicht erstrebenswert. Macht mit Sicherheit keinem Freude und ist für beide Seiten frustrierend.

Leine als einzige Verbindung zwischen Mensch und Hund
Ich kann so ganz und gar nicht nachvollziehen, wie man an einem Band oder Seil ziehen kann, das an einem anderen Lebewesen befestigt ist. Wenn du mal ernsthaft darüber nachdenkst, wie seltsam es doch im Prinzip ist, einem Tier etwas um den Hals zu binden, woran man es festhalten und sogar strafen kann, bist du sicher meiner Meinung. Beide Seiten haben eine klassische Fehlkonditionierung gemacht. Der Hund zieht, weil er jedesmal damit Erfolg hat, weiterzukommen. Der Mensch zieht, weil er vermeintlich Erfolg hat, weil der Hund ab und an kurz innehält. Nur um gleich wieder nach vorne zu preschen. So wird die Leine zur einzigen Verbindung zwischen dir und deinem Hund.

Probier doch selbst abschliessend die Übung vom Anfang aus
Möglicherweise sind die Rucke und das Ziehen für den Hund etwas weniger unangenehm, wenn er am Brustgeschirr geführt wird. Aber das kannst du dann ja selbst für dich beantworten, wenn du die eingangs beschriebene Uebung ausprobiert hast. Du wirst nach fünf Minuten vermutlich genervt sein, dein Stresspegel wird steigen und deine Stimmung wird definitiv auf der Skala in Richtung minus rutschen.

Achtsamkeit ist der Weg zur Veränderung
Geh auf deinem nächsten Spaziergang für fünf Minunten bewusst mit angeleintem Hund. Beobachte dich selbst. Sei dein Zuschauer oder deine Zuschauerin. Wozu dient dir die Leine? Wie gerne hat sich dein Hund anleinen lassen? Wie oft war die Leine locker? Wie trägst du die Leine? Hast du sie um die Hand gewickelt oder liegt sie leicht in deiner Handfläche auf? Sind deine Schultern entspannt, ist dein Arm locker, ist deine Hand entspannt? Wieviel Gewicht trägst du in deiner Hand?

Veränderung ist nur möglich, wenn man sich den Ist-Zustand ganz bewusst macht und auch sensomotorisch wahrnimmt. Fang zuerst bei dir an, du hast es im wahrsten Sinn des Wortes «in der Hand», der Leine eine andere Bedeutung zu geben. Von der Haltevorrichtung weg, hin zu einer äusserst feinen Verbindung zu deinem Freund auf vier Pfoten. Und weisst du, was das Beste daran ist? Du musst und darfst dich einbringen mit deiner ganzen Präsenz.

In diesem Sinne:

«Die Leine ist wie ein feiner Seidenfaden, der euch kaum spürbar verbindet und nur mit Achtsamkeit nicht reissen wird.»

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