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Was für eine kommerzielle Katastrophe in der Hundewelt

Skurrile Hundewelten
Seit ein paar Wochen bin ich auf der Suche nach einem passenden Welpen aus einer seriösen Zucht, der als Assistenzhund ausgebildet werden soll. Der pure Wahnsinn, um das mal zusammengefasst in drei Worten auszudrücken. Meine kynologische Reise durch das Internet führt mich in skurrile Welten, die du mit Sicherheit nicht erahnen möchtest.
(Auf dem Bild bin ich mit Klein-Panda zu sehen, auf einem Welpenbesuch bei Pandas toller Züchterin.)

Die Büchse der Pandorra ohne Deckel drauf und ein Danke an all die seriösen ZüchterInnen
Es ist in etwa so, wie wenn du die Büchse der Pandora öffnest und den Deckel verlegst. An dieser Stelle sind selbstverständlich alle ZüchterInnen ausgenommen, die mit viel Herzblut, grossem persönlichem Engagement und viel Fachwissen züchten, einen liebevollen und wertschätzenden Umgang mit ihren Hunden und den zukünftigen Hundeeltern pflegen, nur einen Wurf gleichzeitig haben, die Hundemama verwöhnen und den Welpen den allerbesten Start ins Leben ermöglichen. Und die ihre Hunde nicht zum Preis von einem Mittelklassewagen im Internet anbieten. An dieser Stelle auch einen ganz grossen Dank an all die tollen ZüchterInnen, die trotz dem Riesenhipe im Hundebusiness auf dem Boden bleiben und sich nicht auf Kosten der Hunde einen goldige Fressnapf verdienen.

Wie schaut es in der Büchse aus?
Lass uns jetzt mal schauen, was aus der Büchse der Pandora alles herausgefallen ist. Da gibt es so etwas wie eine Welpenverkäuferin/Agentin (James Bond lässt grüssen) im Internet, die vermutlich im Auftrag von Zuchtstätten nette Welpenvideos dreht, sich mit dem jeweiligen Wonneproppen im Arm auf einem Youtube-Verkaufsvideo präsentiert und gleich noch Erziehungstipps mit hineinpackt. Sozusagen «all-in-one», inklusive Flexileine. Oder beinahe «all-in-one», denn ich gehe davon aus, dass die Dame sich selbst nicht verhökern möchte.

Give me a smile!
Der jeweilige Welpe muss dann während dem Geplapper ruhig auf ihrem Arm sitzen und nice in die Kamera gucken. Voll abgefahren. Aber wahrscheinlich sitzt der Welpe noch lieber auf deren Arm als in einem Glaskasten im Tierfachgeschäft.

Tierfachgeschäft, die Alternative mit Rückgaberecht!
Nein, das findet nicht in Burumba oder Marukisch statt, sondern in europäischen Nachbarländern. Hundeshopping am Samstagmorgen mit der Familie, weil das Hallenbad wegen Corona geschlossen hat. Sozusagen Alternativprogramm für die Kinderlein. Der Welpe mit dem grössten «Jö-Faktor» landet dann im Einkaufswagen und wird durch den Scanner gezogen. An der Kasse schnell den Chip implantiert, mit EC-direkt bezahlt und ab geht die Post ins neue traute Heim. Der Bruder des gekauften Welpen sitzt dann halt alleine im Glaskasten rum. Um die Prägungszeit optimal zu nutzen, wird ihm ein hündischer Stoffkollege ins Aquarium gesetzt, bestäubt mit einem Welpenduft und einem Winselquietschi im Bauch.
Übrigens: Der absolute Verkaufshit ist das 7-Tage-Rückgaberecht und die Garantieverlängerung auf 12 Monate. Falls ein unerwarteter Betriebsschaden auftreten sollte.

Seriös will Weile haben
Der seriöse Weg einen Welpen zu bekommen, dauert halt. Da kann es schon sein, dass zukünftige WelpenbesitzerInnen ein Jahr warten müssen, bis die auserwählte Zuchtstätte wieder einen Wurf geplant hat.  So what! Was ist ein Jahr warten gegenüber all dem Hundeelend, das aktuell auf diesem Planeten am Boomen ist. Und stell dir vor, da wirst du eingeladen zu einem Vorgespräch. Du lernst die Elterntiere kennen, du kannst alle deine Fragen stellen. Und bist während der Welpenzeit ein willkommener Gast. Natürlich hat auch die Züchterin oder der Züchter einen Fragenkatalog bereit für dich. Manchmal etwas übertrieben finde ich, aber lieber ein zuviel als ein zuwenig an Informationen sammeln über die zukünftige Lebenssituation eines Welpen. Oder über die zukünftige Lebenswelt eines Tierschutzhundes.

Es gibt wie gesagt auch andere Wege, zu einem Hund zu kommen
Welpenkaufen per Mausclick. Noch vor drei Jahren war das wohl eher die Ausnahme. Heute ist der Hundekauf im Internet zur liebsten Beschäftigung von Herrn und Frau Schweizer oder von Herrn und Frau Deutsch geworden. In Frankreich und Italien oder in anderen Nachbarländern sieht es mit Sicherheit sehr ähnlich aus.

Ich habe bereits munkeln gehört, dass ein 3D-Drucker zum Selberkreieren von Hundewelpen in der Entwicklungsphase schon weit fortgeschritten ist. Noch etwas unklar, wer dem Tier den Atem einhaucht. Aber auch da wird es eine Lösung geben.

Tierschutzorganisationen: von sehr sorgfältig bis zu katastrophal und illegal
Ein weiterer Bereich neben der ganzen «Züchterei» ist der Handel mit den Tierschutzhunden oder mit den Hunden aus dem Ausland. Auch da gibt es supertolle, äusserst engagierte und um das Tierwohl besorgte Organisationen, die kein lukratives Geschäft betreiben, sondern zu einem fairen, die Selbstkosten deckenden Preis schöne Lebensplätze für die Tiere suchen.

Leider hat Corona auch hier seine Pfotenabdrücke hinterlassen. Unseriöse «Tierschutz»-Organisationen spriessen wie die Pilze aus dem Boden. Fehlvermittlungen sind an der Tagesordnung. Herdenschutzhunde in Familien mit Kindern und viel Besuch; Border Collies zu völlig überforderten Ersthundehaltern; Schäferhunde in Einzimmerwohnungen; «Maremmanos» werden als Goldie- Mix angepriesen. Und die niedlichen Beschreibungen schnell mit Copy & Paste eingefügt.
Da steht beim jungen Bolonka-Hündchen genauso «freundlich und verspielt, für Familien sehr geeignet» wie beim 3-jährigen Malinois aus schlechter Haltung. Das Einzige, was es braucht, um dieses Potential zu wecken, ist «ein verständiger und liebevoller Mensch, der gewillt ist, diesem Hund ein neues Leben zu schenken». Dann wird das schon werden. Auf alle Fälle, denn «der Hund ist seinem neuen Menschen so unendlich dankbar und wird ihm das jeden Tag aufs Neue zeigen».

Und wie schaut es nun mit unserem Assistenzhund aus?
Sicher möchtest du jetzt wissen, wie weit ich mit meiner Suche für den passenden Assistenzhundewelpen in Spe schon gekommen bin. Wir sind dran. Und auf gutem Weg.

Und doch habe ich irgendwie ein sehr flaues Gefühl im Bauch. Diese Reise durch die Hunde«züchter»-Unterwelt hat mir definitiv nicht gutgetan. Rein emotional. Und ich frage mich ernsthaft, wann dieser Hundeboom wieder abflachen wird. Hoffen wir auf das Ende der Homeoffice-Pflicht.
Ja, ich denke sehr an all die armen Tiere, die dann ins Tierheim abgeschoben werden. Aber ich denke auch daran, dass dieser Hundekaufwahn ein Ende nimmt. Und wer weiss, vielleicht kommt dann unser Assistenzhund nicht aus einer Zucht, sondern aus zweiter Hand aus einem Tierheim in der Schweiz. Wir werden sehen.

In diesem Sinne:

«Einem neuen Familienmitglied ein zu Hause zu geben, ist eine wohlüberlegte Entscheidung fürs Leben aller Beteiligten».

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