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Der indische Bauer mit den Wasserkübeln, oder: ein Plädoyer für Unvollkommenheit

Heute habe ich die Geschichte gehört vom indischen Bauern, der jahrein jahraus Wasser zu seinem kleinen Garten getragen hat. Zu diesem Zweck hat er sich eine Holzstange zugesägt, an deren Ende links und rechts je ein Eimer baumelte. Die gefüllten Eimer mit der Stange legte er sich über den Nacken und ging so jeden Tag denselben Weg zu seinem kleinen Gemüsefeld.

Wenn wir zu unserer Unvollkommenheit ja sagen, gewinnen wir Lebensqualität
Der linke Eimer hatte ein Loch und verlor dadurch mindestens die Hälfe seines Inhaltes. Der Eimer hat sich dafür sehr geschämt, weil doch sein Kollege rechts jeweils prall gefüllt beim Garten ankam und voller Stolz seine Fülle über die Pflanzen hat ergiessen können. Nach einigen Jahren, in denen der linke Eimer immer trauriger wurde, hat er sich ein Herz gefasst und den indischen Bauern darauf angesprochen: «Lieber Bauer, ich bin so traurig, dass ich nur einen kleinen Teil meines Wassers dem Gemüse schenken darf. Mein Boden hat ein Loch und es fliesst so viel Wasser raus unterwegs.» Der indische Bauer bleibt stehen, nimmt einen tiefen Atemzug und schenkt dem linken Eimer ein inniges Lächeln. Dann spricht er zu ihm folgende Worte: «Lieber linker Eimer, schau dich um, siehst du den Weg, den wir jeden Tag zusammen gehen? Auf der linken Seite wachsen ganz viele Blumen, grünes saftiges Gras; Schmetterlinge begleiten uns jeden Tag und die Käfer summen uns ihre Grüsse zu. Dank Deinem Loch im Eimer grünt und blüht es am Wegesrand. Deshalb habe ich das Loch nicht geflickt. Weil dadurch Freude und Leben und Heiterkeit uns tagaus tagein begleitet.» Von dem Tag an ist der linke Eimer so stolz, ein Loch zu haben und nicht vollkommen zu sein. Durch seine Unvollkommenheit ist neues Leben entstanden.

Freu dich an dein kleinen Erfolgen, denn diese führen zu etwas ganz Grossem
Mir gefällt diese Geschichte ausserordentlich gut. Sind wir nicht alle bestrebt, immer unser Bestes zu geben? Und enttäuscht, wenn wir unsere hohen Erwartungen und Ansprüche nicht erfüllen? Oder unsere Erwartungen und Ansprüche an andere Menschen oder auch an unsere Hunde nicht oder nur zum Teil erfüllt werden? So viel Energie haben wir investiert, und das Resultat war dann doch nicht ganz wie erwartet.

Emotionen als das erkennen, was sie sind: Wellen auf dem Ozean des Geistes
Kennst du das? Was hast du dich bemüht, deinem Hund einen sicheren Rückruf zu vermitteln. Und doch lässt er dich manchmal im Regen stehen. Spürst du die Enttäuschung und den Frust, wenn dein Hund dich aus der Ferne anguckt und munter in die andere Richtung weitertrabt, um seinen Kollegen zu begrüssen? Oder du bist seit Wochen dran, deinen Hund mit lockerer Leine an anderen Hunden vorbeizuführen, ohne dass er jedes Mal einen kleinen Ausraster hat. Spürst du deinen Aerger, wenn es wieder passiert ist? Wenn dein Hund nach vorne hechtet und kläffend in der Leine hängt?

Erinnere dich an das, was dir Freude gemacht hat, und worauf du stolz bist
Ja, das darf alles sein und hat alles Raum. Wichtig ist, dass es dir immer wieder gelingt, einen Fokuswechsel zu machen. Anstatt dich auf das Defizit zu konzentrieren, dir vielmehr alle Situationen in Erinnerung zu rufen, wo Dein Hund auf dein Rufen voller Freude auf dich zu gerannt ist oder den anderen Hund einfach links liegengelassen hat, um dich anzuschauen.

Innere Bilder unterstützen dich auf eurem Weg zu einem harmonischen Zusammensein
Schaff dir innere Bilder von euch beiden als zufriedenes Team. Stell dir vor, wie gelassen ihr unterwegs seid draussen. Wie freudig ihr miteinander umgeht. Wie viele Situationen ihr schon mit Bravour zusammen bewältigt habt. Wie toll ihr bereits an anderen Hunden vorbeispazieren könnt und wie dein Hund mit fliegenden Ohren zu dir hinrennt. Spüre deine Freude und sei stolz, wie oft es schon geklappt hat, anstatt dem nachzuhängen, was nicht optimal verlaufen ist.

Mit deinen Gedanken erschaffst du deine Realität
Wir schaffen durch unsere Gedanken Bewusstsein und Bewusstsein schafft unsere Realität. Natürlich ueben wir gemeinsam mit unserem Hund den Rückruf, darum geht es nicht. Es geht darum, dass wir uns öfters mit unseren Gedanken sabotieren und einen ganzen Spaziergang damit beschäftigt sind, wie peinlich oder ärgerlich eine Situation gerade gewesen ist.

Dein Hund lebt es dir vor
Unser Hund ist schon wieder im Hier und Jetzt, auch wenn du gerade noch mit ihm geschimpft hast. Sein vermeintlich schlechtes Gewissen ist die Antwort auf deine immer noch anhaltende verärgerte Stimmung,  die er nicht mehr einordnen und der Situation zuordnen kann.

Perfekt ist langweilig und schafft Stillstand und Distanz
Wir müssen nicht perfekt sein, weder du noch dein Hund. Auch meine Hunde haben Flausen im Kopf und auch ich reagiere nicht immer mit der inneren Gelassenheit, die ich mir wünsche. Nehmen wir nochmals die eingangs erzählte Parabel mit dem linken Eimer: wäre der linke Eimer perfekt und ohne Loch, gäbe es keine Blumenwiese, wäre der linke Eimer dicht, gäbe es viel weniger Farben auf dem täglichen Weg. Wäre der linke Eimer vollkommen, hätten wir ihn nicht in seiner Verletzlichkeit und seiner inneren Not kennengelernt. Ich plädiere dafür, das Leben als das zu nehmen was es ist: eine Möglichkeit und ein Lernfeld für inneres Wachstum und Freude.

In diesem Sinne:

«Lass Deine innere Blumenwiese in bunten Farben wachsen.»

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