Von platten Nasen und Hundegurus
«…und wenn er an mir hochspringt und in die Jacke kneift, bekommt er einen Schlag mit der Hand auf die Schnauze. Das hat gewirkt. Tipp vom Hundetrainer».
(Auszug aus einem zufälligen Gespräch mit einem Hundehalter.)
Die emotionale Ebene bleibt aussen vor
Was es beim Hund genau bewirkt hat auf der emotionalen Ebene, lässt er leider offen. Also frage ich mal nach, wie er das so sieht. « Also, es hat genützt. Dann hat er`s- der Hund - wohl auch kapiert.» «Und was denkst du, hat es mit eurer Beziehung gemacht?» Stauen steht ihm ins Gesicht geschrieben. «Wie ich das denn genau meine?» Also nochmals anders formuliert: «Was denkst du, wie dein Hund sich fühlt, wenn du ihm eine auf die Schnauze knallst?» «Er hat aufgehört mit dem Beissen und Hochspringen». Der Mensch schafft es in keiner Weise, die Handlungsebene zu verlassen, um auf die Gefühlsebene zu wechseln. Seine Spiegelneuronen sind offenbar gerade alle ausgeknipst.
Wenn der Mensch die Erregung produziert
Nun fährt mein System innerlich hoch und der Hundehalter muss sich einen Exkurs über Belohnen und Strafen anhören. Meine Frage, was denn dem Hochspringen vorausgegangen ist, findet er auch etwas seltsam, meint dann aber lapidar, er sei mit dem Hund wild über eine Wiese gerannt. Also, wenn ER (der Mensch) rennt, beisst der Hund in seine Jacke. Wieso geht DER denn nicht? Wieso nimmt ER das Tempo nicht raus und klopft seinen Hund stattdessen die flache Hand auf die Nase? Zumal das Riechorgan dieses armen Hundes eh schon mehr als platt ist, nicht von den Schlägen, sondern rein rassebedingt. Kriegt kaum Luft durch die deformierten Nasengänge und dann wird auch noch draufgekloppt. Macht das Atmen nicht gerade leichter.
Nein, wir bestechen nicht mit Futter, tun die Wölfe ja auch nicht
Ich werde etwas übergriffig und erläutere ihm die Lerntheorie. Du erahnst es bereits: Nein, er besticht seinen Hund doch nicht mit Futter! Wo kämen wir da hin. «Schliesslich belohnen sich Wölfe untereinander auch nicht mit Gudis.» Genau, und die hauen sich auch regelmässig auf ihre platten Nasen. Wieso um des Hundewillens gehören diese prähistorischen Hundegurus, welche den Leuten solchen Schwachsinn vermitteln, nicht langsam der Vergangenheit an?
Es ist nicht alles toll, was gefilmt wird
Ein cooles Promotionvideo geschaltet, mit wolfsähnlichen, gebannt auf ihren Menschen starrenden Hunden durch die Felder streifen und schon switcht das selbstständige Denken des Hundehalters auf Autopilot. Gar nichts wird hinterfragt, keine Idee von positiv verstärkendem, gewaltfreiem und freundlichem Hundetraining über Belohnung.
Die Gudifalle als Argument
Die Gudifalle ist immer ein schlagendes Argument dieser Gurus. Sie suggerieren dem Menschen, dass er zum Futterautomaten mutiert und wenn DER das Gudi weglegt, sein Hund die Weltherrschaft übernimmt. Die Gurus reduzieren ein Training über positive Verstärkung auf die Darreichung eines Leckerbissens. Ein Guru belohnt seinen Hund höchstens mit einem Balli oder einem Zerrspiel. Ansonsten hat der Hund einfach zu gehorchen und soll voll ehrfürchtiger Dankbarkeit sein, seinen Alltag mit so einem souveränen Menschen teilen zu dürfen. (By the Way: auch Wölfe werfen Bälle und haben ein Boudin unterm Fell versteckt.)
Lerntheorie sehr einseitig genutzt im Strafbereich
Was mir einfach nicht in den Kopf geht ist die Tatsache, dass es immer noch Gurus gibt, die von allen Möglichkeiten der Lerntheorie mit Vorliebe nur die eine Variante nutzen: die positive Strafe. Und wenn es ein Softi - Guru ist, gerne auch mal die negative Verstärkung, also zuerst Druck aufbauen, damit der Hund erleichtert ist, wenn er wieder Raum bekommt oder die Leine locker an seinem Hals baumelt, nachdem er fast stranguliert wurde.
Veränderungen dauern, auch in der Ausbildung von Hunden
Ich weiss, dass Veränderung lange dauern und es ein sehr scharfes Messer braucht, um alte Zöpfe abzuschneiden. Trotzdem bin ich immer wieder sehr betroffen, was Hundehalter ihren Hunden antun und gleichzeitig behaupten, ihre Tiere zu lieben. Aus dem einzigen Grund: «Mein Hundetrainer/meine Hundetrainerin hat das so gesagt».
Zur Gretchenfrage
Die Gretchenfrage zum Schluss: Wir haben alle Möglichkeiten, uns über eine freundliche, motivierende und positive Hund – und Mensch-Ausbildung zu informieren. Wieso nutzen wir nicht unseren Verstand dazu?
weiteres zum Thema: Die Plattnasen-Tragödie: Haben-Will frisst Hirn!
In diesem Sinne:
«Hör auf dein Herz und lass den Guru aussen vor.»
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