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«Bei uns werden keine Hunde konditioniert und auch nicht dominiert»

«Bei uns werden keine Hunde konditioniert und auch nicht dominiert».

Konditionieren und Dominanz gänzlich missverstanden
«Hopperla», denke ich und muss schon fast zwanghaft weiterlesen. Wie kommt es, dass zwei so völlig unterschiedliche Begrifflichkeiten in einem Satz als Slogan für eine Ausbildungsstätte aufgeführt werden: konditionieren und dominieren. Der Laie denkt sich: «Wow, das tönt super. Schliesslich will ich aus meinem Hund keinen Leckerchenerbettler machen und ich als Mensch möchte auf keinen Fall zum Futterautomaten werden und schon gar nicht dominant sein meinem Hund gegenüber».

Und mit Dominanz verknüpft der Laie dann mit Sicherheit: unterdrücken, grob sein, Macht ausüben etc. Da stehen mir die Haare zu Berge. Zwei Klischees , die so überhaupt nicht haltbar sind und sogar in einem Aufwisch genannt werden, finde ich doch etwas weit hergeholt, wenn nicht sogar absurd.  Auf das Dominanzverständnis gehe ich nicht näher ein und verweise an dieser Stelle auf meinen Blogbeitrag «Dominanz - ein oft missverstandener Begriff».

Klassische Konditionierung praktisch erklärt
Jeder Mensch, der sich mal mit Pawlow befasst hat oder zumindest im Biologieunterricht über die klassische Konditionierung gestolpert ist, sollte mitbekommen haben, dass klassische Konditionierungen in unserem Alltag andauernd stattfinden. Und demzufolge auch im Alltag unserer Vierbeiner.
Ein paar anschauliche Beispiele: Mensch nimmt die Hundeleine vom Haken an der Wand, Hund rennt voller Freude zur Haustüre. Oder: Kühlschranktür geht auf, Hund steht erwartungsvoll bei Fuss auf der Matte. Oder: Hund rennt in Elektrozaun mit einer Kuh dahinter und beim nächsten Spaziergang an der Kuhweide vorbei zieht er die Rute zwischen die Beine. Oder: Futter in den Napf, Speichel fliesst. Oder: Mensch zieht Spielzeug aus der Jackentasche und Hund macht vor Freude einen Purzelbaum. Klassisch konditioniert werden Gefühle und Reflexe (siehe dazu: Theby Viviane, Verstärker verstehen, S. 48 ff; Kynos 2011. Im Folgenden beziehe ich mich immer auf dieses Buch). Zitat: «klassisch konditionierte Verhalten werden also vom Reiz bestimmt» (S 48). Merkst du schon was? Wir kommen im Zusammenleben mit Hunden um die klassische Konditionierung nicht rum.

Und was hat es mit der instrumentellen Konditionierung auf sich?
Werfen wir nun einen Blick auf die instrumentelle und/ oder operante Konditionierung. Julie Vargas, die Tochter von Skinner, beschreibt das so ( selbiges Buch, S.48): «Bei der klassischen Konditionierung ist das, was dem Verhalten vorausgeht, das Entscheidende. Bei der instrumentellen Konditionierung kommt es auf die Folgen des Tuns an». Ein Beispiel zu Letzterem aus der Praxis: Ich verliere meinen Handschuh auf dem Spaziergang. Mein Hund nimmt diesen zufällig auf und trägt ihn zu mir. Meine Freude ist gross, ich lobe den Hund herzlich für sein Verhalten «Handschuh zu mir tragen» und gebe ihm auch noch eine Futterbelohnung dafür. Was denkt sich der Hund? Sachen zum Menschen tragen lohnt sich und das entstandene Gefühl im Hund ist mit Sicherheit ein gutes.

Merkst du was? Ein Leben ohne Konditionieren ist Stillstand
Und jetzt sagt mir bitte mal jemand, dass Konditionierungen in unserem Zusammenleben mit Hunden keine Rolle spielen. Und übrigens: es funktioniert auch umgekehrt. Dein Hund freut sich wie Harry, wenn du nach Hause kommst, was bei dir gerade eine klassische Konditionierung in Gang setzt: Ausschütten von Glückshormonen, einhergehend mit einem sehr freudigen Gefühl. Ein instrumentelles menschliches Beispiel fällt mir auch noch ein: Dein Welpe rennt zur Balkontür, du hinterher, weil du aus Erfahrung gelernt hast, dass langsam gehen eine Pfütze auf dem Teppich zur Folge hat. An dieser Stelle erlaube ich mir ein Zitat von Bob Bailey einzuflechten: «Pavlov ist always sitting on your shoulders.». Was soviel heisst, wie: wenn du trainierst oder interagierst, ist die klassische Konditionierung IMMER dabei. Und diese beeinflusst vorallem unsere Gefühle, welche unweigerlich mit Verhalten verknüpft sind, respektive dadurch ausgelöst werden.

Selbergebastelte Lerntheorien sind völlig irreführend
Wenn ich solch unsinnigen Aussagen lese, wie: «Wir konditionieren nicht, denn der Hund folgt uns aus Vertrauen», muss ich innerlich fast schon lächeln, weil ich das so absurd finde. Nicht, dass der Hund uns vertraut, davon gehe ich aus. Sondern, dass der Verfasser offensichtlich keine Ahnung hat, wie Vertrauen entsteht: nämlich über klassische Konditionierung: der Welpe machte eine Erfahrung mit seinem Menschen und diese Erfahrung löst in ihm ein wohliges Gefühl aus und dieses Gefühl ist halt in Hundsnamen das Produkt einer klassischen Konditionierung.

Bestechen gleichzusetzen mit Belohnen von schönem Verhalten ist absurd
Und wenn ich Sätze lese, wie: «Wir bestechen nicht mit Futter oder Spiel oder was weiss ich womit, denn der Hund macht alles, um dem Menschen zu gefallen», stelle ich wieder dieselbe Frage in den Raum: woran merkt denn der Hund, dass er seinem Menschen gefällt, respektive sein Verhalten im Menschen dieses Gefühl auslöst? Richtig, er merkt es an der Reaktion seines Menschen, sprich an dessen Verhalten. Indem dieser zum Beispiel den Hund lobt oder eine Belohnung gibt oder eine freudige Stimme hat (positive Verstärkung / operantes Konditionieren) und diese freudige Stimme schon zuvor mit etwas Angenehmen für den Hund verknüpft wurde (klassische Konditionierung) Schwupps sind wir in der Welt der operanten Konditionierung gelandet.

Lerntheorie kurz erläutert
Spätestens jetzt sollte allen LeserInnen bewusst geworden sein, dass wir KONDITIONIEREN. Bei der operanten Konditionierung zeigt der Hund ein Verhalten, auf welches eine Konsequenz folgt, worauf der Hund dann das Verhalten in Zukunft öfters oder weniger oft zeigt. Da gibt es 4 Möglichkeiten, die ich hier nur kurz aufzähle. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass positiv und negativ rein mathematisch zu verstehen sind und nicht als Wertung gut oder schlecht. So ist zum Beispiel die positive Strafe nichts Wünschenswertes oder Gutes, sondern bedeutet mathematisch gesehen einfach, dass etwas «dazukommt». In diesem Fall eine Einwirkung, die der Hund als Strafe erlebt und das Gefühl dazu klassisch konditioniert dann Angst und Furcht sowie Schmerz ist. Bei der positiven Verstärkung kommt auch etwas dazu, deshalb ist mathematisch gesehen «positiv» als plus zu verstehen. Beispiel: der Hund macht auf mein Signal hin ein SITZ und er bekommt dafür eine Belohnung. Die Belohnung löst ein Gefühl der Freude und Erleichterung aus, was wiederum klassisch konditioniert ist. Folglich wird der Hund dieses Verhalten in Zukunft öfters zeigen. Bei der negativen Verstärkung und der negativen Strafe wird mathematisch gesehen etwas weggenommen. Im ersten Fall eine unangenehme Einwirkung, was im Hund ein Gefühl der Erleichterung auslöst. Im zweiten Fall wird dem Hund etwas vorenthalten, das er gerne hätte, zum Beispiel das erwartete Gudi, weil er kein Sitz gemacht hat. Das Gefühl ist Enttäuschung und Frust.

Operante Konditionierund und klassische Konditionierung gehen Hand in Hand
Wie du siehst, gibt es kein operantes Konditionieren, dem nicht eine klassische Konditionierung hinterhergeht. Verhalten - Verstärker – Gefühl / Verhalten – Strafe – Gefühl. Tönt komplex, ist aber gar nicht so schwierig zu verstehen.

Nicht alles, was gut tönt, dient dem Lernen
Schwieriger zu verstehen sind Ausbildungs«konzepte», die sich Klischees bedienen und jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehren. Dafür eine Pseudophilosophie ins Feld führen, die in seltenen Fällen zwar einigermassen plausibel tönt, aber eben Pseudo» ist.

In diesem Sinne:

«Drum prüfe, wo du dich kynologisch bindest.»

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