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Von notorischen Hundestreichlern und Grenzüberschreitern

Der absolute Burner ist folgende Szene: Wir sitzen gemütlich im Gartenrestaurant, die drei Hunde chillen unterm Tisch. Aus den Augenwinkeln sehe ich ein kleines Krabbelkind im Eilzugstempo auf meine Goldihündin zusteuern ( man denkt gar nicht, wie schnell so ein Wesen robben kann), angefeuert von seiner Mutter mit den Worten: «Lueg, das isch so en liebe Familiehund, gang doch dem go hoisägä, de chasch au streichle, de macht nüd!»

Die schnarchende Goldihündin ist gerade in ihre Träumen versunken, grunzt friedlich vor sich hin, während besagtes Kleinkind nur noch gefühlte 30 cm von ihrem Fang entfernt ihr Patschhändchen ausstreckt und herzig quietscht. Ja, ich bin schnell und reaktiv. Und unfreundlich, wenn`s denn sein muss. Und in diesem Fall MUSS es eindeutig sein ( By the Way findet Goldi - Devi alles unter 6 Jahren eher bemühend). Mittlerweile habe ich auch nicht mehr den Nerv, den Eltern eine Gratislektion zu vermitteln zum Thema: » Wie nehme ich Kontakt zu einem Hund auf ( wenn`s denn überhaupt sein muss)» oder meine Favouritevariante: «Ein Hund hat keinen Bock auf fremde Menschen». Nein, die sollen uns doch einfach in Ruhe lassen und ihre Kids andersweitig auslasten. Wir sind kein Streichelzoo! Mit Panda, meiner schwarzgekleideten Flathündin, ist das Thema Zwangsknutschen schon viel weniger attraktiv. Echt entspannter, seit sie unser Rudel aufgestockt hat. Braun und gross wie meine Flathündin Leela war die Vorstufe, aber schwarz und gross.. ehrlich super toll, hält doch einiges an Streichelhänden fern. Manchmal beneide ich fast einen Freund von mir, der nie Probleme hat mit dem Kuschelfaktor in der Oeffentlichkeit, weil sein Hund gross und schwarz – braun ist und den Namen einer deutschen Kleinstadt trägt. Ja, natürlich, da schlägt das Sympathiependel der Laien in die andere Richtung, aber trotzdem. So ein bisschen Rotti-visage wäre manchmal gar nicht schlecht.
Ich frage mich des Oefteren, was mit den Menschen abgeht, wenn sie einen Hund sehen, der sie an ihre Kindheit erinnert, oder an den eigenen Hund, der gestorben ist ( was mir natürlich leid tut) oder an die Fernsehwerbung mit Klopapier, oder Lassie aus der gleichnamigen Fernsehserie oder an all die unerfüllten Bedürfnisse nach Zuwendung und Streicheleinheiten. Ich habe auch keine Kinder und häng mich deswegen nicht sehnsuchtsschwanger in jeden Kinderwagen.
Mir ist schon klar, dass ich gerade etwas zynisch bin. Ich habe einfach generell Mühe mit Grenzüberschreitungen durch meine Mitmenschen. Eines der zentralen Themen bei Welpenbesitzern oder Besitzern eines sogenannten Kuschelhundes oder eines Hundes mit eingebautem Wohlfühlfaktor ist die ungefragte Annäherung und Berührung durch Zwangsstreichler oder «Jö- ist – der – herzig – darf – ich – dem  -Hallosagen – Menschen». Da wissen gestandene Hundebesitzer plötzlich nicht mehr, wie sie sich verhalten sollen, ob sie Nein sagen dürfen, ob und wie sie diese freundliche Annährung abbrechen, respektive unterbrechen können. Schliesslich möchte man ja nicht unhöflich sein. Was denkt denn das Gegenüber von mir, wenn ich diese «wohlgemeinte» Kontaktaufnahme nicht zulasse? Im Gegenteil: es wird fast erwartet, dass ich mich sogar noch darüber freue und dass ich mir sehr gerne diese «ich hatte als Kind auch mal einen Hund Geschichten» anhöre.
Was lernt denn der Welpe in solchen Situationen? Fremder Mensch ist gleich Aufregung. Jeder fremde Mensch meint MICH, hallo Leute ich komme. Tja, dann warten wir mal ab, bis das herzige Labradörchen dann seine 26 Kilo Endgrösse erreicht hat und das Kindchenschema eindeutig der Vergangenheit angehört. Das Labradörchen hat aber gelernt, dass fremde Menschen ihn ach so toll finden und ihn mit Inbrunst herzen und streicheln. Frag mal so einen Zwangsknutscher, wie toll er es findet, wenn er einer «26 Kilo mit Anlauf Begrüssung» standhalten muss. Mit Sicherheit folgen jetzt keine Geschichten mehr aus der Kindheit mit Hund sondern Sätze wie: «Sie müssten dringend in eine Hundeschule, wie frech ist denn dieser Hund».
Mensch, überleg doch mal: wie soll den dein Welpi fürs Leben Anstand lernen, wenn du ihn all diesen Händen und Quietschistimmen aussetzt? Ich mag die Menschen am liebsten, die meine Hunde einfach in Ruhe lassen, wenn wir uns begrüssen. Oder wenn wir uns unterhalten. Du hast doch mit deinem jungen Hund so schon beide Hände voll zu tun, damit der sich ruhig und mit allen vier Pfoten am Boden aufhält. Und das geht nur, wenn du deinem Gegenüber auch ganz klar zu verstehen gibst, dass dessen Hände nicht an deinen Hund gehören. Auch nicht zum Handrücken schnüffeln. Oder nur mal kurz Hallo sagen. Und auch keine Verbeugungen und Verrenkungen in Richtung zu Deinem Welpen hin. Und keine schrillen Worteskapaden.
Mit einem Hund durch die menschenbelebte Umwelt zu spazieren, ist nochmals ein Lernfeld für sich. Tönt wie die Ausschreibung eines Seminars zur Persönlichkeitsentwicklung: Selbstsicher auftreten, den eigenen Raum wahrnehmen und schützen (natürlich den des Vierbeiners inklusive), sich abgrenzen und trotzdem in Kontakt bleiben, Neinsagen dürfen, die eigenen Grenzen abstecken und kommunizieren. Und das meine ich für einmal nicht hundespezifisch, sondern mitmenschenspezifisch. Und es tut nach einigen Malen etwas schlechtem Gewissen und ein paar gefühlten 100 Wiederholungen einfach sehr wohl, für sich und seinen Hund eingestanden zu sein.
In diesem Sinne wünsche ich dir viel Klarheit und innere Stärke, damit dein Hund mit dir innerlich wachsen kann.

 

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