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Die Insel im Einkaufszentrum als Möglichkeit der Wahrnehmungsschulung

Die Insel im Einkaufszentrum als Möglichkeit zum Beobachten und Wahrnehmen
Gestern verbrachte ich meine Cafépause in einem Einkaufszentrum mit Cafeteria. Ich liebe solche Inseln mitten im Geschehen, weil sie einem die Möglichkeit geben, Menschen unauffällig zu beobachten. Wenn du dich im Lesen von Körperdynamik, Körpersprache, Mimik und Gestik üben möchtest, ist das der ideale Ort dazu.

Sehr spannend finde ich Menschen mit Hunden. Da Hunde in diesem Einkaufszentrum erlaubt sind, durfte ich einige Einblicke in die Beziehung zwischen Mensch und Hund erhalten. 

Meine Körperwahrnehmung geht vom Menschen zum Hund
Innert einer halben Stunde gingen gleich mehrere Teams vorbei. Mittlerweile habe ich mir in Begegnungen angewöhnt, zuerst den Menschen wahrzunehmen und auf meine Körperreaktion sowie die in mir hervorgerufene Emotion zu achten. Mein inneres Referenzsystem springt dann innert Bruchteilen von Sekunden an und noch bevor ich darüber nachdenke, habe ich eine körperliche Empfindung sowie ein Gefühl dazu. Leicht zeitverzögert passiert dasselbe in mir mit dem Hund: ein Wahrnehmen auf der Körper- und der Gefühlsebene.

Nun folgt die Bewertung der Situation
In einem zweiten Schritt schalten sich die Denkprozesse ein und ich ordne die Begegnung in meinen Wissens- und Erfahrungshintergrund ein, indem ich vergleiche und interpretiere. Entscheiden muss ich nichts, da ich ja nicht direkt involviert bin. Ausser ich habe meine Hunde dabei und wir gehen gemeinsam in die Begegnung, sei es gewollt oder unfreiwillig.

Die Frau mit ihrem Labradormischling irritierte mich
Ein Mensch-Hund-Team hinterliess in mir eine nachhaltigere Spur auf der Gefühlsebene: Eine junge Frau mit einem mittelgrossen, labradorähnlichen Hund exerzierte gleich mehrere Male an meinem Tisch vorbei. Der Hund mittelgradig angespannt, hechelte dezent, der Fang offen, die Rute fast senkrecht erhoben und kaum in Bewegung, Ohren angelegt, Blick ständig auf seinen Menschen gerichtet, gar kein Aussenfokus, die Umwelt sozusagen ausgeblendet. Der Mensch ging mit hinter dem Rücken verschränkten Händen und dort fixierter Leine, Blick geradeaus gerichtet, aufrecht und strammen Schrittes durch die Einkaufshalle. Am Ende Kehrtwendung und wieder zurück. Im Gangbild des Menschen kaum Flexibilität. Wenig Mimik im Gesicht der jungen Frau, sie wirkte angespannt. Der Hund bemühte sich andauernd um eine Kontaktaufnahme. Die Antwort des Menschen war, ihn mit einem Ruck der Leine hinter dem Rücken wieder an seinen Platz zu ziehen. Nach einer verstrichenen Ewigkeit hatte sie dann offenbar ausreichend geübt und marschierte durch die Eingangstüre nach draussen, auf einer schnurgeraden Linie.

Mein System ist angeschaltet und ordnet die Eindrücke zu
Mein Körpersystem reagiert mit Aktivierung, mein Mandelkern ruft das passende emotionale Programm dazu ab, mein Grosshirn bewertet und macht daraus blitzschnell Gedanken, die in Worte gefasst in etwa so lauten: «Der Mensch ist nicht in Kontakt mit seinem Hund. Der Hund zeigt Stresssymptome, der Mensch profiliert sich vor einem Publikum wie auf einer Bühne, der Hund ist durch dieses spezielle Leinenhandling sehr eingeschränkt in seinem Radius, die Verbindung zum Hund ist sehr angespannt und rein mechanisch-funktional. Der Mensch sucht Bestätigung. Das Team ist nicht mit Freude unterwegs sondern mit Gehorsam. Alle Bemühungen um Kontakt seitens des Hundes werden mit einem aversiven Leinenruck abgestraft.»

Auf der Gefühlsebene nehme ich in mir eine Traurigkeit wahr, einen verhaltenen Ärger, eine latente Aggression und ein Gefühl der Ohnmacht und der Hilflosigkeit.

Diese Emotionen versuche ich dann im Nachhinein zuzuordnen. Was ist mein Anteil, was gehört zum Menschen und welches Gefühl zum Hund? 

Bereits erschien das nächste Mensch-Hund-Gespann auf der Bühne des Einkaufszentrums
Während ich mich noch von diesem Drillerlebnis erholte, erschien bereits das nächste Mensch-Hund-Team auf der Bildfläche.

Ein lustiger, strubbeliger kleiner Hund dippelte neben seinem Menschen neugierig durch die Einkaufsmall. Die Frau blieb kurz stehen, sprach ihren kleinen Hund an, sein ganzer kleiner Hundekörper drückte Freude aus. Sie näherten sich «meinem» Café und setzten sich an den Nachbarstisch.

Das Hündchen nahm auf einer eigens dafür mitgebrachten kleinen Decke Platz und schaute voller Neugier in die Runde. Die Frau wendete sich ihrem Hund wieder sehr freundlich zu, worauf es sich der Kleine auf der Decke so richtig gemütlich machte. Was für ein entspanntes Bild!

Ein Team, das gemeinsam die Freuden des Lebens teilt
In mir selbst macht sich ein Gefühl der Freude breit und mein Körpersystem signalisiert Entspannung. Nach einer Weile kommen wir ins Gespräch, mein erster Eindruck bestätigt sich. Ein sehr zufriedenes Mensch-Hund-Team, das mit- und aneinander Freude hat. Hunde sind so viel mehr als der Spiegel ihrer Menschen. Sie müssen sehr oft dafür herhalten, wenn der Mensch mit sich selbst nicht im Einklang ist und sich beispielsweise in einem Bereich seines Er-Lebens als nicht ausgeglichen oder ausreichend beachtet und wertgeschätzt erfährt. Oder wenn er einer ausgeprägteren Leistungsorientierung unterliegt und sich über Erfolg oder Misserfolg definiert. Oder wenn der Mensch Angst vor Kontrollverlust hat und deshalb in seinem Fühlen, Denken und Handeln starr und rigide ist.

Hätte der Labraodormix gewagt, seinen Blick vom Menschen abzuwenden, wäre letzterem vermutlich mehr als ein Zacken aus seiner HerrscherInnenkrone gefallen. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre dem Labimix ein riesiger Rüffel sicher gewesen, hätte er, wie das kleine Hündchen, den Kuchenkrümel gefressen, der neben dem Tisch auf den Boden gefallen war. Die Besitzerin des kleinen Hündchens sagte nur «ups, da hast du aber Glück gehabt» und der Kleine wedelte mit seinem ganzen Körperchen. 

In diesem Sinne:
 

«Nicht der grosse Auftritt mit Hund auf deiner Bühne zählt, sondern mit welchem Gefühl und welcher Intention du sie mit ihm betrittst.»

 

 

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