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Gestern noch im Auslandstierschutz – heute in einer Wohnung mit Familienanschluss

Der Tag der Ankunft des neuen Familienmitgliedes steht bevor
Endlich ist das Glück perfekt. Der Wunsch nach einem eigenen Hund ist in Erfüllung gegangen. Bald schon bezieht das neue Familienmitglied sein Bettchen.

Der grosse Tag rückt näher, zu Hause ist alles vorbereitet, Futter- und Wassernapf stehen bereit. Gemeinsam fährt die Familie zum Übergabeort oder zur Zuchtstätte im Ausland.
Der auserwählte Hund wird gleich mit Leine und Halsband übergeben, eine Liste mit Wichtigkeiten dazu, und ab geht die Post in das neue Daheim.

Im neuen Zuhause angekommen
Dort eingetroffen, wird der Hund von allen bewundert und begrüsst. Dieser weiss gar nicht, wie ihm geschieht. Er schaut ziemlich irritiert aus dem Fell, während sein altes Leben gerade Vergangenheit geworden ist.

Der Hund hat viele Stunden Fahrt in einem Transporter oder Privatauto hinter sich. Vermutlich die erste Autoreise in seinem Leben überhaupt. Sein Körper schreit nach Ruhe, sein Kopf ist voller Eindrücke, die er nicht einordnen kann. Schlafen, schlafen, schlafen steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Die Hundeeltern sind sehr entzückt über ihren neuen Hund
Die neuen Hundeeltern haben einen anderen Plan: Sie wollen ihren Hund geniessen an diesem ersten Abend und ihm möglichst viel Gutes zukommen lassen. Morgen geht es dann los zum ersten richtigen Spaziergang.
Der Hund soll seine Umgebung kennenlernen, die Familie hat sich bereits eine mittelgrosse Spazierrunde ausgedacht. Vielleicht gehen sie gleich noch kurz bei den Nachbarn vorbei, weil sie ihre Freude über das neue Familienmitglied mit allen teilen möchten.

Die erste Nacht im neuen Heim
Nach einer kurzen, schlaflosen Nacht mit einem unruhigen Hund, der sein Geschäft zweimal drinnen erledigt hat, schaut die Familie etwas müde aus. Zuerst mal Kraft tanken, ausgiebig frühstücken und dann wirkt die Welt gleich freundlicher.

Der Hund ist noch gar nicht glücklich an seinem neuen Ort
Der Hund sieht das definitiv anders. Sein Fressen lässt er stehen, er verkriecht sich unter den Esstisch und knurrt, wenn jemand in seine Nähe kommt.

Die Familie lockt mit allem, was ihr Kühlschrank hergibt, keine Chance. Der Hund streikt unter dem Tisch und lässt sich auf keine Versuchung ein.

Erst nach einigen Stunden gelingt es der Familie, die Leine an seinem Halsband zu befestigen und ihren Hund nach draussen zu bringen. Jetzt, wo sie schon mal im Garten sind, ist die passende Gelegenheit, die geplante Spazierroute gemeinsam zu begehen. Schliesslich soll ein Hund sich ja bewegen.

Dem neuen Hund seht der Sinn nicht nach Socializing
Und der Nachbarshund im Freilauf wird gleich noch als Spielkollege miteinbezogen. Der schaut verdattert aus dem Fell, als der Neuzugang im Quartier ihm mal kurz die Zähne zeigt und null Interesse an einer Interaktion signalisiert.

Die frischgebackenen Hundeeltern wirken leicht beschämt über die Unhöflichkeit ihres Hundes, entschuldigen sich und vertrösten den Nachbarshund auf morgen. Nur schaut es leider morgen immer noch nicht besser aus. Der Hund kommt nun schon gar nicht mehr unter dem Sofa hervor, sondern hebt die Lefzen, sobald sich ein Mensch in seine Nähe begibt.

Der Hund fällt fast um vor Müdigkeit
Seine Augen sind vor lauter Müdigkeit gerötet, sein System ist absolut gestresst und alles in ihm schreit nach Ruhe und Schlaf. Die Hundeeltern sind mittlerweile etwas ratlos und mit dem einsetzenden Durchfall ihres Hundes am Abend haben sie auch nicht gerechnet. Was für eine Enttäuschung.

Ein Blick von aussen auf das Geschehen
Verlassen wir die Familie mit ihrem Neuzugang auf vier Pfoten und schauen uns an, was da gerade geschehen ist. 
Ein Hund, der möglicherweise etliche Monate in einem Shelter in einem ausländischen Tierheim verbrachte, zum ersten Mal in seinem Leben in einer Hundebox über viele Stunden durch Europa gefahren wurde, mit vielen anderen bellenden Hunden im Transportfahrzeug, der zum ersten Mal in seinem Leben in eine Wohnung gebracht wird und zum ersten Mal in seinem Leben der einzige Hund unter ihm fremden Menschen ist, hat primär einen Schock.

Zwingeranlagen sind ein sehr stressiges Lebensumfeld für Hunde
Auch Hunde, die aus sehr grossen Zuchtanlagen in Italien oder Frankreich zu ihren neuen Besitzern kommen, kennen ausser ihrem Zwinger und den anderen Hunden so gut wie nichts. Oftmals ist es in diesen Anlagen sehr laut und sehr unruhig, die Hunde kommen nicht zur Ruhe, mobben sich untereinander und müssen ihre Position in der Gruppe nicht selten immer wieder klären.

Die Hunde sind oft sehr schlecht auf Umweltreize sozialisiert
Vermutlich sind die Hunde auch nicht ausreichend sozialisiert in Bezug auf andere Umwelten als den Zwinger. Je länger ein Hund in so einer Umgebung lebt, desto schwieriger ist für ihn die Umstellung. Auch wenn das neue Leben viel mehr Lebensqualität zu bieten hat als sein bisheriges. Leider weiss das der Hund noch nicht, sondern hat zu Beginn einfach nur massiv Stress.

Das Programm herunterfahren und dem Hund viel Ruhe gönnen
Was bedeutet das nun für den neuen Hundebesitzer? Vor allem eines: Das Programm gänzlich herunterfahren.

- Kurze Versäuberungsrunden im Garten oder in der unmittelbaren Umgebung.
- Dem Hund sehr viel Ruhe und Schlaf gönnen, indem er einen angenehmen Ruheplatz bekommt.
- Den Hund nicht bedrängen, sondern ihm viel Zeit geben, damit er sich annähern kann, wenn es für ihn passt.
- Den ersten Tierarztbesuch vorerst einmal verschieben, ausser es ist tatsächlich nötig.
- Den Hund nicht mit Liebkosungen überhäufen, sondern ihm den Raum geben, den er braucht.
- Keine Sitz-, Platz-, Fussübungen verlangen, sondern ihn loben für Verhalten, die er von sich aus zeigt.
- Ihn nicht bemitleiden, aber auch nicht überfordern.
- Den Hund beobachten und seine Bedürfnisse kennenlernen.
- Einen regelmässigen Tagesablauf einhalten, damit der Hund sich orientieren kann.
- Einen freundlichen Umgang pflegen, was ich sowieso voraussetze.
- Kleine Missgeschicke nicht bestrafen, sondern kommentarlos aufwischen. Dein Hund macht das nicht extra und auch nicht aus Protest. Strafen ist der Beziehungskiller schlechthin und erschüttert das Vertrauen des Hundes in seinen neuen Mensch.

Last but not least: Stell dir einfach vor, wie es dir ergehen würde, wenn man dich von allem wegbringt, das dir vertraut ist, und dich in eine völlig neue Umgebung setzt, zu einer Spezies, die du nicht verstehst und die ganz anders lebt, als du es kennst.
Wie lange brauchst du, um dich einzuleben und dich wohlzufühlen? Länger als zwei Tage vermute ich. Dein Hund bestimmt das Lerntempo. Er definiert durch sein Verhalten, wann er bereit ist für den nächsten Schritt und nicht durch deine Vorstellungen davon, wie dein Hund zu sein oder sich zu verhalten hat. 

In diesem Sinne:
 

«Lebenseinschneidende Veränderungen bedürfen einer besonders achtsamen und liebevollen Begleitung, damit das neue Leben gelingen kann.»

 

 

 

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