Skip to main content

«Wir geben keine Hunde an Menschen über 60 Jahre ab»

Adopt – don't shop ist die Devise
In den vergangenen Tagen lief eine tolle Kampagne mit dem Slogan: «Adopt – don't shop», welche die Stiftung für das Tier im Recht «TIR» gestartet hat. Auf den Fotos waren MitarbeiterInnen mit ihren Haustieren zu sehen, welche eine Tierschutzvergangenheit hinter sich haben und nun ihren Lebensplatz bei ihren Menschen geniessen dürfen.

Die Botschaft dahinter lautet sinngemäss: «Es gibt so viele wunderbare Tiere, welche im Tierheim auf ihren Lebensplatz warten. Anstatt immer mehr Hunde und Katzen zu züchten, ist es sinnvoller, einem Lebewesen, das bereits auf dieser Erde ist, bei sich willkommen zu heissen.»

Die Lebensumstände der zukünftigen menschlichen Tiereltern müssen stimmen
Wenn die Lebensumstände stimmen und ein Mensch sich vollumfänglich bewusst ist, was es heisst, einen Hund mit Vergangenheit bei sich aufzunehmen, bin ich derselben Meinung. Das gilt auch für jeden anderen Hund, egal ob ein Welpe aus einer Zucht oder ein sogenannter «Secondhand-Hund», und das meine ich alles andere als wertend. Die Hunde aus dem Tierschutz oder aus Tierheimen haben eine Vergangenheit, haben oft schon viel erlebt, was sie zu den besonderen Hunden macht, die sie eben sind.

Wenn Vorstellung und Realität kollidieren
Einem Hund ein neues Zuhause zu geben, bedeutet, dass die ersten Wochen bis Monate vor allem dem Hund «gehören». Wenn du einen Welpen übernimmst, kannst du auch nicht nach den zwei geplanten «Elternschaftswochen» wieder zur Tagesordnung zurückkehren, nach dem Motto: «Der kann ja jetzt allein bleiben». Dass ein Welpe Bedürfnisse hat und diese nicht nach einigen Tagen oder Wochen der Eingewöhnung gestillt sind, erklärt sich im Prinzip von selbst. Leider ist das nicht immer der Fall und die Hunde werden spätestens im Junghundealter wieder abgegeben: Gründe sind dann Zeitmangel, zu viel Umstände, die individuelle Freiheit sei eingeschränkt, also die des Menschen, die machen Dreck, zerstören die Wohnungseinrichtung etc.
Oder die Lebensumstände ändern sich, weil sich die Paare trennen, ein Baby kommt, jemand entwickelt eine Hundehaarallergie oder ein anderer Job ist gerade wichtiger. Nicht selten haben sich die Menschen das Leben mit Hund gänzlich anders vorgestellt. Auch diese Hunde landen dann im Tierheim, wenn sie nicht zur Zuchtstätte zurückgehen können.

Sehr ähnliche Erfahrungen habe ich auch schon mit Menschen gemacht, welche einen Hund aus einem Tierheim oder dem Auslandtierschutz adoptiert haben; aus Mitleid, aus Langeweile, aus Unwissenheit oder weshalb auch immer, und dann wollten sie den Hund nach einigen Wochen wieder zurückgeben: «Der Hund sei so ängstlich, der kann nicht allein bleiben, der spiele nicht mit ihren Kindern, der fahre nicht Auto, deswegen können sie nicht mehr in die Ferien fahren, der sei so aggressiv anderen Hunden oder Besuchern gegenüber. Zudem haben sie gar nicht so viel Zeit, um sich um den Hund zu kümmern.»

Sich im neuen Leben einzufinden braucht Zeit
Gerade Hunde mit einer Tierschutzvergangenheit benötigen oft sehr viel Zeit, Ruhe, Routine und liebevolles Verständnis, um sich in ihrer neuen Lebenswelt zurechtzufinden. Das Gras wächst nun mal nicht schneller, wenn man daran zieht. Und auch der Hund wird sich nicht schneller einleben, wenn man ihn dauernd überfordert, weil er in das eigene Leben und den Tagesablauf passen muss.

«Wir geben keine Hunde an Menschen über 60 ab»
Nun komme ich zur Aussage im Titel: «Wir geben keine Hunde an Menschen über 60 ab.» Diese Haltung kann ich so gar nicht nachvollziehen. Sind Menschen ab 60 Jahren nicht mehr in der Lage, einem entsprechenden Hund ein wunderbares und erfülltes Zuhause zu schenken? Die Passung Mensch-Hund spielt doch immer eine Rolle. Einem Ersthundehalter würde ich vermutlich auch keinen Malinois oder einen Herdenschutzhund mit über 35 Kg Körpergewicht empfehlen. Und einem älteren Menschen sicher auch keinen ungestümen Junghund, ausser dieser Mensch hat schon seit jeher Hunde gehabt und kann durch seine Sicherheit und Ruhe den Hund sehr gut begleiten.

Hunde an Menschen nach der Pensionierung zu vermitteln, hat so viele Vorteile für alle Beteiligten
Es spricht so vieles dafür, jemandem einen Hund zu vermitteln, der nicht mehr in einen strengen Arbeitsprozess eingebunden ist. Jemand, der seinen Alltag viel freier gestalten kann. Der nicht gezwungenermassen nach zwei Wochen wieder zur Arbeit gehen muss. Der über ausreichend Kapazität und Ressourcen verfügt, um sich einem Hund mit Vergangenheit anzunehmen.

Ein Mensch, der mit seiner grossen Lebenserfahrung und seinem Wissen einem Hund die Zeit, den Raum, seine Kompetenz und seine Freundschaft anbieten kann, ohne grosse Erwartungen an sein tierisches Gegenüber. Genau das wäre der ideale Partner, die ideale Partnerin für einen Hund aus dem Tierschutz.

Jeder Mensch mit Haustier braucht einen Plan B
All die Bedenken, dass der Mensch krank wird, nächstens stirbt (echt jetzt!) und der Hund dann wieder vermittelt werden muss, finde ich schlichtweg unhaltbar. Wir alle, die mit Hunden oder auch anderen Tieren leben, brauchen zwingend einen Plan B, wenn wir mal ausfallen, sei es kurz oder über längere Zeit. Das passiert vermutlich genauso oft Menschen unter 60 Jahren wie Menschen, die diese offenbar magische Anzahl Lebensjahre aus Sicht der Hundeheime bereits überschritten haben.

Ich bin sowas von überzeugt, dass Menschen über 60 die tollsten Hundeeltern sind, wenn die Passung stimmt. Ein Hoch auf unsere SeniorInnen mit ihren Freunden auf vier Pfoten! Ihr seid auch in meinen Mensch-Hund-Coachings jederzeit herzlich willkommen. (Danke an René und Raya für euer tolles Foto!)

In diesem Sinne:

«Eine Ode an alle Hunde, welche unsere Leben so sehr bereichern, egal wie alt wir sind.»

  • Aufrufe: 2156