«Schau mir in die Augen, Baby» oder: der Unsinn eines dysfunktionalen Alternativverhaltens
Stell dir vor, du gehst mit einer Freundin oder einem Freund in die Stadt zum Einkaufsbummel. Ihr schlendert durch die Marktgasse, bleibt mal hier, mal dort stehen, um einen Blick in ein Schaufenster zu werfen. An diesem sonnigen Nachmittag sind auch andere Menschen unterwegs, die Strassencafés haben draussen ihre Tische aufgestellt, es herrscht eine freundliche und entspannte Atmosphäre. So weit, so gut!
Stell dir jetzt bitte dieselbe Szene vor, mit einer kleinen Änderung in der Regie: Bei jedem Schaufenster sagt dein Partner, deine Partnerin zu dir: «Schau mich an!» Oder auf schweizerdeutsch: «Luege!» und führt demonstrativ und direktiv ihren oder seinen Zeigefinger an jenen mittigen Punkt zwischen den Augenbrauen – dort, wo das dritte Auge sitzt –, damit du ihr oder ihm auch ganz sicher tief in die Augen blickst.
Gerne würde ich beim (hoffentlich) Nichtbefolgen einer so unsinnigen und unpassenden Anweisung dein Gesicht sehen.
Selbst, wenn dein Gegenüber dich vor einem ganz schrecklichen Anblick bewahren möchte, würde diese Strategie mit Sicherheit nicht funktionieren, weil du dich fast zwanghaft nach eben diesem Schrecklichen umschauen müsstest.
Oder du erlittest das Gefühl eines Kontrollverlustes, weil du nicht mehr sehen könntest, was um dich herum gerade passiert.
Genauso unsinnig wäre es, wenn dich etwas Tolles interessiert, welches du gerne näher anschauen möchtest, und dein Gegenüber von dir verlangt, dass du ihm tief in die Augen blickst.
Wer um alles in der Welt hat diese absolut dysfunktionale Übung für Hunde in die Welt gesetzt, die sehr gerne und leidenschaftlich als erste oder zweite Übung in Hundeschulen unterrichtet wird?
Da gehe ich durch die Stadt, sehe vor einem Einkaufszentrum eine Gruppe Menschen mit ihren Hunden, die mit einer beinahe schon absurden Ernsthaftigkeit ihre Hunde dazu bringen möchten, mit ihnen – also den Menschen – Blickkontakt zu halten. Immer wieder ertönt ein «Luege, Luege, Luege». Die Hunde schauen hier hin und da hin, während sich Zeigefinger rhythmisch Richtung Nase bewegen.
Einige Hunde schaffen es sogar, ihren Blick in das Antlitz ihres menschlichen Gegenübers zu versenken. Wow! Und jetzt?
Sehr ähnlich muten diese Hundebegegnungen an: Der angeleinte Hund muss beim Kreuzen eines anderen Mensch-Hund-Teams eine Art Blindflug machen, weil der Mensch verlangt, auf sein besagtes dritte Auge zu glotzen, anstatt die Umgebung, respektive den anderen Hund wahrzunehmen! So etwas Absurdes kann nur vom Menschen erfunden worden sein!
Viel sinnvoller, viel zielführender und viel funktionaler wäre es doch, die Hunde für das ruhige Schauen von Aussenreizen zu loben und dieses tolle Verhalten zu verstärken, anstatt sie in eine Art Hypnose versetzen zu wollen.
So einfach könnte man stattdessen ein Hinschauen – Wegschauen – Hinschauen – Wegschauen üben. Der Hund soll doch mitbekommen, was um ihn herum passiert. Ansonsten lass deinen Hund bitte zu Hause, wenn er sich nicht umschauen darf!
Es gibt so viele absurde und sinnentleerte Übungen für Hunde. Ein Hund ist nicht doof, er kann selber schauen und beobachten. Und ja, er kann sogar eigene Entscheidungen treffen. Toll, oder etwa nicht?
In diesem Sinne:
«Wenn du jemanden brauchst, der dir tief in die Augen schaut, würde ich dir einen Kurs in Standardtanzen empfehlen oder eine Hypnosesitzung für dich buchen.»
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