Ohne Vertrauen ist jede Pflegehandlung nur ein Übergriff
Als erste Pflegehandlung dem Hund die Zähne putzen?
Mal ehrlich: Du adoptierst einen Hund aus dem Tierschutz. Dein neues Familienmitglied ist unsicher und ängstlich. Innerhalb der ersten zehn Tage nach der Übernahme ist ein Besuch in der Tierarztpraxis Pflicht, um den Chip abzulesen und den Hund korrekt in der Datenbank einzutragen.
Schon dieses Ereignis ist für den Hund beinahe zu viel. Zumal er vermutlich noch nie ausserhalb des Shelters unterwegs war, bevor er in die Schweiz oder nach Deutschland zur Vermittlung gebracht wurde. Von Pflegehandlungen jeglicher Art ganz zu schweigen.
Als erstes dem Hund die Zähne putzen
Sehr erstaunt und immer wieder aufs Neue überrascht bin ich über die Empfehlungen in Tierarztpraxen, dem Hund gleich zu Beginn die Zähne zu putzen und zusätzlich noch ein Spot-on aufzutragen. Ersteres wird übrigens auch sehr gerne Welpeneltern empfohlen. Als ob Zähneputzen die wichtigste Pflegehandlung am Hund wäre.
Voraussetzungen müssen zuerst gegeben sein
Ich möchte keinesfalls behaupten, dass Zahnhygiene nicht zum Alltag eines Hundes gehört. Aber bis ein Hund sich mit Fingerling, Zahnbürste oder Zahnpasta im Fang berühren lässt, müssen zuerst grundlegende Pflegeschritte aufgebaut werden: Sich überhaupt anfassen lassen. Den Kopf berühren. Am Kopf streicheln. Den Fang berühren. Lefzen berühren. Lefzen anheben. Einen Zahn mit dem Finger berühren. Einen Zahn mit Zahnbürste oder Fingerling berühren. Eine klare Ausgangsposition wie Sitzen, Stehen oder Liegen in Verbindung mit einem Targetverhalten festlegen.
Der Mensch möchte nur das Beste und trotzdem ...
Wenn ich in einem ersten Treffen gefragt werde, wie man einem Tierschutzhund oder einem Welpen die Zähne putzt, kann ich die Frage aus Haltersicht nachvollziehen. Sie wollen schliesslich dem Rat der Tierarztpraxis folgen. Aus Hundesicht ist das jedoch ein völlig unrealistisches Unterfangen, solange nicht zuerst eine Vertrauensbasis für alle weiteren Handlungen geschaffen wurde. Und ja, das braucht Zeit.
Auch der Hundecoiffeurbesuch kann warten
Ein weiterer Meilenstein ist der Besuch beim Hundecoiffeur. Viele Hunde kommen verfilzt und mit langem Fell bei ihren neuen Besitzern an. Natürlich möchten diese aus dem ungepflegten, oft stark riechenden Fellknäuel möglichst schnell einen gepflegten, gut duftenden Hund machen. Am liebsten sofort, weil schmutzig und stinkend in der Zivilisation schwer auszuhalten ist. Doch der Hund kann noch nicht im Auto mitfahren und verfällt in Panik, wenn der Motor gestartet wird. Der Coiffeursalon liegt dreissig Minuten entfernt. Also muss der Hund da jetzt einfach durch?
Er stand noch nie auf einem Frisiertisch. Er hat noch nie fremde Menschen ausserhalb des Shelters getroffen. Wasser wurde noch nie über ihn gegossen, ausser wenn er im Regen stand. Shampoo? Kannst du dir selbst ausmalen. Föhnen? Keine Chance. An ihm herumschneiden oder zupfen wäre für ihn eine Katastrophe. Trotzdem heisst es dann: Der muss da jetzt durch.
Der Hund muss nirgends durch!
Und genau hier liegt der Denkfehler. Nicht der Hund muss da durch. Sondern wir müssen durch unsere eigene Ungeduld, unsere Bequemlichkeit und unsere falschen Vorstellungen durch. Hunde brauchen keine sofort glänzenden Zähne und keinen frisch geföhnten Auftritt. Sie brauchen Sicherheit, Vertrauen und Zeit. Alles andere kommt danach.
«Vertrauen vor Schönheit. So einfach ist Hundelogik.»
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