Dein Welpe spiegelt deine eigene Bindungserfahrung
Bindung als Schlüsselwort
Endlich ist er da. Ein kleiner tapsiger Welpe, der seit ein paar Tagen voller Tatendrang durch deine Wohnung streift. Glückshormone fluten deinen Körper und versetzen dich in einen Ausnahmezustand. Alles richtet sich auf den kleinen Knirps aus. Termine werden abgesagt, der Fokus liegt auf Bindung. So soll der Welpe einen guten Start ins Hundeleben bekommen. Bindung als Zauberwort. Das klingt so einfach.
Wir bringen unsere eigenen Themen mit ein
Wenn wir ehrlich sind, ist es das selten. Der Mensch bringt seine eigenen Themen und Verletzungen in die Beziehung mit. Und wenn etwas nicht so läuft wie erhofft, scheint es oft, als liege es am Welpen. Der Traum von Nähe und Verbundenheit bekommt Risse. Der Welpe verhält sich anders als erwartet und schon entsteht ein innerer Druck und das Zauberwort «Bindung» fühlt sich plötzlich gar nicht mehr so easy an.
Meine Erfahrung mit Wendy
Ein persönliches Beispiel: Wendy war anfangs gar nicht begeistert von Körperkontakt. Wir schliefen zwar im selben Bereich auf Bodenmatten, doch sie legte sich gerne etwas abseits hin. Das war ihr Raum und ihre Art, sich sicher zu fühlen. Heute sucht sie oft unsere Nähe und liegt fast auf uns drauf, wenn es für sie passt. Sie bleibt eine autonome, selbstständige Hündin, die entscheidet, wann und wieviel Nähe sie gerade möchte. Und trotzdem oder gerade deswegen ist eine sichere Bindung entstanden. Nicht, weil ich sie eingefordert habe, sondern weil ich da war, ihr vertraut habe und weil ich Nähe angeboten habe, ohne sie zu verlangen.
Menschen wollen ständig Welpenkuscheln
Oft geschieht das Gegenteil. Menschen überhäufen ihren Welpen mit Nähe, Zuwendung und Kuscheleinheiten. Sie möchten Nähe erleben, weil Nähe gleichgesetzt wird mit Vertrauen und Zuneigung. Dadurch wird der Welpe manchmal regelrecht überfordert.
Eine sichere Bindung kann nicht erzwungen werden. Ein Welpe, der noch nicht bereit ist für Nähe oder gerade ganz andere Bedürfnisse hat, wird gedrängt. Und wenn dann noch ein paar scharfe Zähnchen im Spiel sind, entsteht schnell Frust. Beim Menschen wie beim Hund.
Welche Bindungserfahrungen haben dich geprägt?
In diesen Momenten zeigt sich viel über uns selbst. Unser eigenes Bedürfnis nach Nähe. Unsere eigenen Muster. Vielleicht kommen leise Sätze hoch wie: ich genüge nicht, ich werde abgelehnt, ich werde nicht geliebt. Ein Welpe berührt tief in uns unsere eigenen Bindungserfahrungen und er aktiviert unsere Bindungsanteile: Sicher, unsicher vermeidend, unsicher ambivalent oder desorganisiert. Niemand von uns ist nur in einem Stil zu Hause. Wir tragen vieles in uns.
Es braucht immer zwei Individuen für eine Bindung
Darum geht es beim Bindungsaufbau nicht nur um den Welpen. Es geht genauso um dich und deinen inneren Raum. Es geht darum, ob du bei dir bleiben kannst, wenn es eng wird. Ob du Momente von Kränkung, Ohnmacht oder Enttäuschung wahrnimmst, ohne dich darin zu verlieren. Ob du aushalten kannst, dass Nähe nicht auf Knopfdruck entsteht, sondern wachsen darf. Wenn du diese innere Haltung kultivierst, wird sich dein Welpe dir zuwenden, weil er sich bei dir sicher fühlt, weil er spürt, dass er sein darf, wie er ist, und weil Vertrauen nicht eingefordert wird, sondern langsam entstehen darf.
Ich habe gelernt, dass Bindung dann wächst, wenn ich einfach da bin, ohne Erwartungen, ohne Druck und ohne den Versuch, etwas zu beschleunigen. Wenn ich meine eigenen Themen bewusst wahrnehme und nicht versuche, sie vom Welpen lösen zu lassen. Der Welpe ist nur der Spiegel, welcher mir aufzeigt, wo ich noch an mir arbeiten darf. Was für ein Geschenk, wie ich finde.
Der Weg ist das Ziel zu einer sicheren Bindung
Eine sichere Bindung ist kein Ziel, das man erreichen muss, sondern ein Prozess, der entsteht, wenn wir uns einlassen und unseren Welpen wirklich in seiner ganzen Persönlichkeit sehen. Und nicht, wie wir ihn uns zurechtdenken.
«Dein Welpe ist ein Geschenk, um deine Beziehungsverhalten auf ein neues Level zu bringen.»
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