Rassemerkmale und ihre katastrophalen Folgen für den Hund
Ein ganz gewöhnlicher Schnupfen
Wann hattest du das letzte Mal einen richtig hartnäckigen Schnupfen, mit zugeschwollenen Nasenschleimhäuten und komplett verstopfter Nase? Dazu das Gefühl, dass kaum mehr Luft durchkommt? Die einzige Möglichkeit, den Körper mit Sauerstoff zu versorgen, war die Atmung über den geöffneten Mund. Aufrecht sitzend, weil Liegen schlicht nicht mehr funktionierte. Sehr unangenehm, sehr einschränkend.
Vermutlich kamst du in dieser Zeit nicht auf die Idee, dich sportlich zu betätigen oder eine Aktivität mit erhöhtem Sauerstoffbedarf auszuüben. Was absolut nachvollziehbar ist, denn dein Organismus hatte anderes zu tun. Er wollte schlicht genug Luft bekommen, um zu funktionieren. Und vielleicht erinnerst du dich auch an dieses Gefühl der Erleichterung, wenn ein Nasenspray dir zumindest vorübergehend etwas mehr Luft verschaffte.
Perspektivenwechsel
Stell dir nun vor, du bist ein Hund, dem weder Nasenspray noch Mundatmung helfen. Ein Hund, dessen Nase kaum mehr vorhanden ist oder nach innen gedrückt wurde. Ein Hund, dessen Atemwege anatomisch so verändert sind, dass jeder Atemzug Arbeit bedeutet. Du legst dich hin, weil dein Körper müde ist und Schlaf braucht. Doch nach wenigen Sekunden schrecken dich deine eigenen Atemsignale wieder hoch. Deine zentralen Chemorezeptoren im Hirnstamm melden akute Erstickungsgefahr. Du ringst nach Luft, strengst dich an, doch es dringt nur ein minimaler Luftstrom durch deine platte, verkürzte Nase in die Atemwege und weiter zu den Lungen.
Irgendwann ist die Angst zu ersticken so gross, dass du dich nicht mehr hinlegst, sondern sitzen bleibst. Dösend, wachsam, in einer Art Daueranspannung. Du bist unfähig, wirklich loszulassen oder tief zu schlafen.
Niedlich und gleichzeitig in Not
Genau so erleben viele brachyzephale Hunde ihren Alltag: Möpse, Französische und Englische Bulldoggen, Pekinesen, Shih Tzu, Boxer … Hunde, die wir als niedlich, lustig und verspielt bezeichnen, während sie gleichzeitig täglich ums Atmen kämpfen.
Zur Erstickungsgefahr kommen weitere Probleme hinzu: hervorquellende Augen mit chronischen Entzündungen und Sehstörungen, Haut und Hautfaltenprobleme, weil zu viel Haut vorhanden ist, die sich reibt, entzündet und schmerzt, oft ein Leben lang, begleitet von tierärztlichen Behandlungen, Salben und Operationen.
Wenn Schmerz zum Rassemerkmal wird
Oder nehmen wir den Cavalier King Charles Spaniel, dessen Schädel bei vielen Individuen zu klein für das Gehirn ist, was zu Syringomyelie führt – eine neurologischen Erkrankung mit teils massiven Dauerschmerzen; so stark, dass betroffene Hunde schreien. Nicht aus Drama, sondern aus einem neurologischen Schmerz heraus.
Oder der Dackel, so niedlich mit seinem langen Rücken und den kurzen Beinen. Wobei diese kurzen Beine kein Zufall sind, sondern das Resultat einer genetisch bedingten Knorpelerkrankung namens Chondrodysplasie. Diese Krankheit wurde gezielt weitervererbt, bis sie zum Rassemerkmal wurde. Der Rücken ist im Verhältnis so lang, dass die Bandscheiben extrem belastet werden. Bandscheibenvorfälle sind bei ihnen häufig, ebenso heftige Nervenschmerzen und Lähmungen. Deshalb sind Dackel in der Neurochirurgie keine Ausnahme, sondern die Regel.
Wir nennen all das Rassemerkmale; medizinisch betrachtet handelt es sich jedoch um genetisch bedingte funktionelle Einschränkungen mit hohem Leidenspotenzial.
Schönheit als Risiko
Ein weiteres Beispiel ist der Rhodesian Ridgeback, dessen charakteristischer Ridge auf dem Rücken auf einer genetischen Mutation beruht. Diese erhöht gleichzeitig das Risiko für Dermoid Sinus, eine Fehlentwicklung von Haut und Nervensystem, bei der zwischen Wirbelsäule und Rückenmark ein schlauchförmiger Gang zurückbleibt. In diesem Gang bilden sich immer wieder Entzündungen und Abszesse. Ridgeback ohne Ridge galten lange als unerwünscht. Nicht weil sie krank waren, sondern weil sie dem menschlichen Schönheitsideal nicht entsprachen.
Oder schauen wir die Dalmatiner an, mit ihrem weissen Fell und den schwarzen Punkten – einem Merkmal, das Kultstatus erreicht hat. Obwohl genau diese weisse Fellfarbe genetisch auch die Pigmentzellen im Innenohr beeinflusst. Zellen, die für die Stabilität des Innenohrs notwendig sind. Fehlen sie, sterben die Hörzellen ab. Etwa jeder vierte Dalmatiner ist ein oder beidseitig taub. Natürlich kann ein Hund mit Taubheit leben, so wie du und ich. Eine solche Beeinträchtigung bewusst in Kauf zu nehmen, für ein optisches Ideal mit Punkten, ist eine UN-ethische Entscheidung. Dalmatiner mit eher dunkler Pigmentierung gelten als weniger schön, Punkte sind gefragt.
Der Vergleich, der unbequem ist
Es gibt zahlreiche weitere Rassen, deren äusseres Erscheinungsbild auf genetischen Defekten beruht, mit denen gezielt weitergezüchtet wurde. Und zwar über Generationen hinweg. Und dann stelle ich mir vor, wie wir mit Menschen umgehen.
Wenn ein Menschenkind mit einer genetischen Erkrankung wie diastropher Dysplasie zur Welt kommt, sprechen wir von einer Behinderung. Wir reden von Einschränkungen und Schmerzen und wir setzen alles daran, diesem Kind ein möglichst schmerzfreies und funktionales Leben zu ermöglichen. Wir therapieren, wir operieren, wir unterstützen. Niemand käme auf die Idee, diese genetische Veränderung gezielt weiterzugeben, weil sie niedlich aussieht oder ein Markenzeichen wäre.
Bei Hunden tun wir genau das, seit Jahrhunderten – bis heute!
Ein persönliches Fazit
Wenn du diesen Vergleich unbequem findest, darfst du das gerne tun. Ich finde es ethisch und moralisch nicht vertretbar, Hunde absichtlich mit schweren funktionellen Einschränkungen zu züchten, die genetisch bedingt sind, und genauso wenig aus ästhetischen und für den Menschen funktionalen Gründen.
«Der Rassetyp endet dort, wo Leid beginnt.»
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