Wenn Methoden wichtiger werden als das Leben
"Wirksamkeit zeigt sich weniger in der Vielfalt der Methoden, sondern in der Einfachheit."
(Bea Koti)
Wenn Methoden wichtiger sind als das Leben
Was mich zunehmend irritiert und langweilt, ist dieser ganze Zirkus der Hundewelt. Während da draussen eine neue Methode die andere ablöst, hinterlassen Hunde ihre Häufchen immer noch im Sitzen und Rüden pinkeln mit angehobenem Bein. Während da draussen unermüdlich neue Erziehungsmethoden kreiert werden, wird es in mir immer ruhiger. Und die Frage drängt sich mir auf, was der Mensch in einer Welt ohne Hunde machen würde.
Anstatt Hunde beschäftigen, Goldfische trainieren
Goldfische zum Trampolinspringen motivieren? Mit hoher Wahrscheinlichkeit würde ein Goldfischbeschäftigungskurs angeboten werden. Mit dem richtigen Equipment und den passenden Belohnungshäppchen dazu. Man könnte Kurse buchen im Slalomschwimmen oder eine Kombination aus Rückenschwumm und Streckentauchen. Es gäbe irgendwann die passenden Goldfischbikinis, Schwimmhalsbänder und schwimmende Leinen, damit er sich beim Badevergnügen im See nicht weit von seinem Menschen entfernen kann.
Nach ein, zwei Jahren würde eine Ausbildung im Goldfisch-Training kreiert werden. Und es bräuchte eine Bewilligung mit Sachkundenachweis, um sich so einen Fisch überhaupt halten zu dürfen. An den Ausstellungen würden seine goldigen Schuppen ihn zum Champion bringen, und alle möchten Nachkommen von diesem Prachtskerl haben. Irgendwann dürfte der Goldfisch nur noch auf Erlaubnis schwimmend seine Runden drehen. Und irgendwann wären die Fischheime voller Goldfische, die einen neuen Lebensplatz suchen.
Alter und Erfahrung
Vielleicht ist es mein Alter, das mir erlaubt, einfach zu bleiben. Zum Kern zurückzukehren, zum Wesen eines Tieres. Meine Hunde und auch die Hunde meiner KundInnen mit einem respektvollen, liebevollen und akzeptierenden Blick zu sehen und wahrzunehmen.
Ich muss meine Lektionen nicht mehr füllen mit vielen Beschäftigungen für die Menschen. Ich erlaube mir, einfach zu sein. Den Menschen und den Hunden Raum zum Atmen zu geben. Raum, um sich zu finden und in diesem Raum etwas Gemeinsames entstehen zu lassen. Einen Raum zu öffnen, wo Mensch und Hund sich näherkommen und einen ganz neuen gemeinsamen Nenner finden.
Wenn scheinbar nichts passiert
Die besten Lektionen sind aus meiner Sicht die, wo der Mensch nach Hause geht und sich sagt:
«Da ist ja gar nicht viel passiert. Aber ich bin so richtig zufrieden und glücklich mit mir und meinem Hund.»
Und weisst du, weshalb der Mensch sich so äussert? Weil es nicht darum geht, den Hund ständig herumzukommandieren oder etwas von ihm zu verlangen. Weil es mehr um Beobachtung im Moment geht und darum, die Fragen des Hundes wahrzunehmen und eine stimmige und freundliche Antwort zu geben.
Ankommen und eintauchen
Weshalb muss ich eine Lektion mit fünf Übungen füllen, wenn gerade die eine so gehaltvoll und wertvoll ist? Weshalb muss ich diesen gemeinsam entstandenen Raum sofort wieder verlassen, um eine neue Türe zu öffnen? Irgendwann öffnen wir nur noch Türen, durch die Mensch und Hund rennen und doch nie ankommen.
Die wunderbare Welt der Hunde
Wir gehen oft davon aus, dass Hunde ohne unsere permanenten Ansprachen und Anforderungen einfach nur im Aquarium rumschwimmen würden wie die Goldfische. Dass sie ohne uns ihre Zeit vergeuden. Je mehr Hunde ihren eigenen Interessen draussen nachgehen, desto vernachlässigter und ungesehener fühlt sich der Mensch.
Dabei gäbe es so vieles gemeinsam zu beobachten in der Natur. Anstatt die Hunde dauernd in unsere Welt holen zu wollen mit hundertundeiner Aufgabe, macht es so viel Sinn, sich auf die Welt der Hunde einzulassen. Durch ihre Augen zu schauen. Mit ihren Ohren zu hören. Unsere eigenen Sinnen zu schulen und zu sensibilisieren.
Wenn Herzen sich berühren
Die besten und erfülltesten Lektionen sind für mich diejenigen, wo Mensch und Hund sich berühren und eine gemeinsame Sprache gefunden haben. Die Übungen konzentrieren sich auf das Wesentliche und durchfluten das gemeinsame Erleben. Es tritt eine Ruhe ein, die mich jedes Mal sehr tief berührt.
In diesem Sinne:
«Einfachheit anstatt Methodenhopping ist nicht langweilig, sondern tiefgründig.»
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