Ewig spritzt die Wasserflasche...
... anstatt das Setting anzupassen
Gerade eben waren wir am Fluss auf unserer Abendrunde. Ich habe mir eigentlich vorgenommen, mich von Hundehaltern auf keine Weise mehr in Diskussionen bezüglich Hundeausbildung involvieren zu lassen. Leider kam es dann doch anders als geplant.
Der Hund geht in Lauerstellung, oder die Sache mit der Leinenaggression
Auf dem Wiesenweg neben dem Fluss kommt uns ein anderes Mensch-Hund-Team entgegen.
Sobald der andere Hund uns wahrgenommen hat, geht er in die Lauerstelltung. Da ich absolut keine Lust habe, meine Hunde einem aus der Lauerstellung schnell und frontal sich annähernden Hund auszusetzen, bin ich stehen geblieben.
Der Hund näherte sich dadurch weniger schnell als erwartet. Und wie es so ist, die Hunde beschnüffeln sich, Wendy rennt eine Runde mit dem Grossen, alles fein.
Bis zu dem Moment, wo der Mensch erwähnt, dass sein Hund ganz "plötzlich" eine Leinenaggression entwickelt hat. So quasi über Nacht aus dem Nichts, wie das ja angeblich meistens passiert mit diesen Leinengeschichten.
Da hätte ich mich eigentlich verabschieden sollen, weil ich die Fortsetzung bereits erahnte. Du auch?
Das Problem ist in einer einzigen Hundeschulprivatlektion wieder verschwunden.
DIE WASSERFLASCHE WAR DIE LÖSUNG FÜR DAS PROBLEM!
Das funktioniert so, dass der Mensch eine mit Wasser gefüllte Petflasche mitträgt, im Deckel hat es ein Loch. Zeigt der Hund ein unerwünschtes Verhalten, wird er aus der Flasche mit Wasser bespritzt, was sehr unangenehm ist. Der Hund erschreckt sich und stoppt mit dem, was er gerade tut. Das Verhalten wird abgebrochen. Mehrere Wiederholungen und das Problem ist weggespritzt.
Eine Verhaltensanalyse im Vorfeld? Wozu auch?
Und nein, keine genau Verhaltensanalyse im Vorfeld. Keine Ahnung, weshalb der Hund dieses Verhalten zeigte oder besser: zeigen musste, weil er (meine Vermutung) gar nicht anders konnte, da er frontal in die Begegnung geführt wurde.
Und nein, keine genau Verhaltensanalyse im Vorfeld. Keine Ahnung, weshalb der Hund dieses Verhalten zeigte oder besser: zeigen musste, weil er (meine Vermutung) gar nicht anders konnte, da er frontal in die Begegnung geführt wurde.
Mehrere Hunde als Sparringpartner, ein paar Mal abgeduscht und die Sache ist erledigt. Er geht nicht mehr in die Leine und hat angeblich kein Problem mehr. Keine Chance für den Hund, höfliches Verhalten zu zeigen, einen Bogen zu gehen, zu schnüffeln oder sich abzudrehen. Nein, mitten durch und frontal muss es sein.
Die Emotion im Hund hat sich mit Sicherheit in Begegnungen nicht verbessert
Ausser, dass der Hund einen ziemlichen Konflikt hat, was in der Lauerstelltung zum Ausdruck kommt. Aversive Trainingsmethoden oder Interventionen lassen möglicherweise das Verhalten "verschwinden", weil der Hund die unangenehme oder gar schmerzhafte Konsequenz erwartet.
Emotional geht es ihm in der Situation aber keinesfalls besser.
Auch wenn es Hunderassen gibt, die etwas robuster sind und toleranter ihrem Menschen gegenüber, wird es etwas mit seinem Vertrauen zu seinem Menschen machen.
Ein absolut infaires Verhalten des Menschen seinem Hund gegenüber
Natürlich habe ich gesagt, wie unfair ich so was finde und wie unprofessionell. Seine Antwort: "Jeder hat da halt so seine Methoden."
Und genau das ist der springende Punkt:
Wenn Fachwissen fehlt, also das Wissen über die Lerntheorie; das Wissen darüber, dass ohne Verhaltensanalyse zu einem Problemverhalten jede Intervention dem Zufall unterliegt; wenn die Intervention nur auf Seite der Konsequenzen stattfindet und der Hund keine Chance hat, erwünschtes Verhalten über ein angepasstes Setting zu zeigen, sind wir kynologisch gesehen im Mittelalter gelandet.
Der Mensch macht es sich einfach auf Kosten seines Hundes
Aussagen, wie: "Wo ist das Problem, es ist nur Wasser", oder: "Ich habe keine Zeit, an einem Verhalten zu arbeiten, wenn es sich so schnell lösen lässt", sind für mich schon fast als dumm zu bezeichnen.
Was ich sehr tragisch finde ist die Tatsache, dass Menschen sehr schnell bereit sind, Gewalt anzuwenden an ihrem Hund (genau, auch Wasser auf einen Hund spritzen ist eine Gewalttat), wenn man ihnen das empfiehlt. Wie war das nochmals mit in Freundschft verbunden sein?
Ich verlinke an dieser Stelle nochmals einen ältereen Blogbeitrag zum Thema "Wasserflasche als Abbruchsignal".
In diesem Sinne:
«Wo Fachwissen aufhört, fängt aversives Hundetraining an.»
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