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Der Leinenwahnsinn ohne Ende am anderen Ende der Leine

Wie kann man das Röcheln seines Hundes überhören, wenn der sich wie ein Traktor ins Halsband hängt und seinen Menschen hinter sich herzieht? Letzterer ist voll damit beschäftigt, seine Fersen in den Boden zu stemmen, um den Halt nicht zu verlieren. Oder soll ich besser sagen: um seinen Hund nicht zu verlieren? Für mich ist und bleibt es ein Rätsel, wie ein Mensch sich kaum Gedanken darüber macht, wie sich sein Hund fühlt, wenn dieser sich beinahe stranguliert. Im Gegenteil, da wird noch kräftig nachgeruckt.

Die Leine als Abschleppseil
Die Leine mit beiden Händen umklammert wie ein Rettungsseil, die Handknöchel weiss vor Anstrengung. Was da gerade stattfindet, wirkt wie ein Kampf ums Ueberleben. Zumindest hat es von aussen genau diese Vehemenz. Ich frage mich wohl zum x ten Mal, wie ein Team so weit kommen konnte. Die Leine, gedacht als feine Verbindung von Mensch zu Hund, wird zum Abschleppseil. Also Hund schleppt Mensch.

Der Welpe zieht, der Mensch folgt
Wieso? Weil ihm der Mensch genau dieses Verhalten beigebracht hat. Der kleine Welpe zieht an der Leine, der Mensch geht hinterher. Dieses Schauspiel findet nicht selten auf dem Weg vom Auto zum Welpenspielplatz statt. Klein-Welpi wie ein Berserker voraus, der Mensch stolpert freudig hinterher: «Was habe ich da doch für einen kleinen Draufgänger. Er kann es kaum erwarten, mit den anderen Kleinen über den Hundeplatz zu wetzen. Guckt, der ist voll motiviert, deshalb zieht er so. Das wird mal ein ganz starkes Bürschchen werden.» Freude herrscht. Genau.

Was Hänschen, äh Menschen nicht lernt...
Und nach sieben Monaten herrscht Schmerz im Arm des Menschen – damit kann ich eher leben – aber es herrscht eben auch Schmerz in der Halswirbelsäule des Hundes, und damit komme ich gar nicht klar.

Und die Sache mit dem Hallosagen...
Ich mache noch einen anderen Schauplatz auf: «Mein Welpi hat so gerne Menschen, darf er Hallo sagen?» Spricht’s und der Welpi zieht wie eine Lokomotive seinen erfreuten Menschen hinter sich her in meine Richtung. «Was habe ich doch für einen geselligen Buben erwischt. So offen und neugierig. Kommt ganz nach mir.»

...mit 34 kg Endgewicht
Wir sehen uns sieben Monate später. Der «Hallosagehund» hat nun stattliche 34 kg «Beinahe-Endgewicht» erreicht. Die Leine hat den Durchmesser einer Longe für einen Kaltblüter mit Hufen, der Mensch trägt Handschuhe bei 25 Grad im Schatten. Seine Oberarme stramm wie ein Bodybuilder nach einem Intensivtrainingsprogramm und der Hund hat einen Nacken wie ein Stier. Eigentlich habe ich mir ein Fitnessprogramm anders vorgestellt.

Leinenzerren  war gestern, oder täusche ich mich?
Was ich überhaupt und gar nicht ausstehen kann und womit ich gänzlich nicht klarkomme, sind Leinenzerrer. Damit meine ich nicht die Hunde. Und noch weniger komme ich mit der Aussage klar: «Der hört schon auf, wenn es ihm weh macht.» Aha. Wenn dem so wäre, würden ja alle Hunde locker und zufrieden an der Leine gehen, nur um dieses unangenehme Gefühl loszuwerden. So eine Art in sich gehen und über das Ziehen nachdenken. Das verlangt der Mensch vom Hund. Oder er impliziert es zumindest. Mich erschüttert – und das meine ich wortwörtlich – die Tatsache, dass ich draussen unzählige Hunde sehe, die einen zerrenden Menschen im Schlepptau haben. Eher selten sehe ich lockere, in einem schönen U hängende Leinen mit entspannten Menschen und zufriedenen Hunden.

Was hat ein Zügel mit der Leine zu tun?
Früher habe ich viele Stunden am Tag mit und auf Pferden verbracht. Dort wurde mir beigebracht, dass ein Zügel nur wenige Gramm wiegen darf in der Hand. Eine ganz feine Verbindung zum sensiblen Pferdemaul, ein sehr differenziertes Kommunikationsmittel zwischen Reiterin und Pferd. Auch damals gab es die unsensiblen Zügelhalter, die sich beim Leichttraben anstatt harmonisch mit dem Schwung des Pferderückens auf und ab zu bewegen, sich an den Zügeln nach oben zogen, um dann wie ein Mehlsack dem Pferd wieder in den Rücken zu plumpsen. Ein Horror für jedes Pferdemaul, ein Albtraum für jeden Pferderücken. Und jetzt erlebe ich das in einem leicht veränderten Setting mit den Hunden an der Leine.

Trockenübungen mit der Leine schonen den Hundehals
Anstatt den Hund zu zerren, wäre es viel sinnvoller, sich mit einem feinen Leinenhandling vertraut zu machen, und zwar in Trockenübungen. Damit meine ich auf keinen Fall, den Mechanismus einer Flexleine zu beherrschen. Diese Kiste in der Hand des Menschen ist ungefähr so, wie wenn ich beim Reiten die feinen Zügelhilfen auf Knopfdruck geben würde. Es geht darum, den Hund genau zu beobachten, zu reagieren, bevor er beschleunigt, ihn freundlich anzusprechen, mit lockerer Leine die Richtung zu wechseln oder ihn höflich einzuladen, sich wieder beim Menschen einzufinden.

Die Lernumgebung anpassen macht sehr Sinn
Wieso nicht mit einem ausgebildeten Hund die ersten Schritte üben? Bevor der Welpe all die Rucke abbekommt, weil beide noch am Anfang stehen? Mein allergrösster Reizpunkt ist die Tatsache, dass Welpen und Junghunde in Lernumgebungen gebracht werden, die sie komplett überfordern. Die Hunde können sich gar nicht auf ihre Menschen konzentrieren und noch viel weniger auf das Gehen an der Leine. Die Ablenkungen sind zu gross, als dass ein Junghundegehirn diese ausblenden könnte. Und der Mensch ist ebenfalls am Anfang. Noch ungeübt im Handling, im Timing, im Verstärken.

Dem Hund die Leinenführung zu überlassen, endet mit Sicherheit im Chaos
Und es ist so sicher wie das Amen in der Kirche: bereits im zarten Alter von 6 Monaten sieht der Mensch auf dem Spaziergang vor allem das Hinterteil seines Hundes. Der arme Hund hat die Leinen-Führung übernommen.
Zu welchem Preis? Der Grundstein für eine Leinenaggression ist somit erfolgreich gelegt, gratuliere.

Und wenn der Schmerz in deinem  Arm der limitierende Faktor ist...
Wenn ich mir vorstelle, dass ich auf jedem Spaziergang in einem Leinenkampf bin oder ende, ich seit Wochen an einer Epikondylitis leide, meine Schultern total verspannt sind und mein Nacken sich anfühlt wie Beton, spätestens dann wäre meine Motivation ins Unermessliche gestiegen, etwas daran zu ändern.

...schreit alles nach Veränderung, und zwar einer pro Hund-Veränderung
Nein, kein Halti und auch keine Doppelleinenführung oder ein Anti Pull Geschirr oder sonst ein «ich korrigiere meinen Hund Accessoire». Du, Mensch, bist gefordert, dir Fähigkeiten anzutrainieren, die dich befähigen, die Leine locker zu halten, deinen Hund zu lesen, dein Timing zu präzisieren. Das bedeutet vor allem, dich mit deinem Hund auf eine sehr positive Art auseinanderzusetzen, mit viel Belohnung und Lob zu arbeiten. Die Lernumgebung sorgfältig und zu Beginn reizarm zu wählen. Kein beiläufiges Spazierengehen, keine «der Hund ist ja angekettet Haltung», sondern ein präsentes und einfühlsames Unterwegssein.

Lass meine Vision Wirklichkeit werden
Meine Vision für einen entspannten Hund Mensch Spaziergang ist dann erfüllt, wenn ich viele Hunde sehe, die an einer lockeren Leine voller Vertrauen und im Einklang mit sich und der Welt neben ihren Menschen gehen und der Mensch entspannt und in sich ruhend die Leine mit zwei Gramm Gewicht durch die Gegend trägt und das Röcheln der Hunde zur Vergangenheit gehört.

 
In diesem Sinne:

«Ein Ende dem Leinewahnsinn am anderen Ende der Leine.»

 

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