Wenn der Kontext zum Auslöser für Verhalten wird
Kontextlernen – oder die Umgebung kreiert Verhalten
Bereits hinter der Haustüre wirst du nervös. «Was passiert, wenn ich die Türe öffne und der Nachbarshund aka «Erzfeind» gerade um die Ecke biegt? Das wäre der Supergau und ein denkbar schlechter Start auf unserer Morgenrunde.» Du bittest deinen Hund, sich nochmals hinzusetzen und wirfst selbst einen Kontrollblick in den Garten.
Luft rein, kein Feind in Sicht und trotzdem ...
Mit Erleichterung stellst du fest, dass die Luft rein beziehungsweise der Weg frei ist. Dein Herzschlag normalisiert sich etwas, du nimmst die Leine in die Hand und fragst deinen Hund, ob er mitkommen möchte. Dieser lässt sich nicht zweimal bitten, schiesst wie von der Tarantel gestochen an dir vorbei durch die halboffene Türe und bellt bereits auf dem Weg zum Vorplatz in Richtung Strasse. Die Leine schleppt «halter-los» im wahrsten Sinn des Wortes hinter ihm her. Du schaffst es gerade noch, ihn einzuholen, bevor er weiter die Strasse in Richtung Haus des besagten Erzfeindes hinuntersaust.
Der Kontext sitzt immer auf der Schulter, gemeinsam mit Pavlov
Was ist hier passiert? Obwohl kein Nachbarshund zu sehen ist, läuft in deinem Hund das Programm ab: «Auf der Strasse begegne ich meinem Erzfeind.» Ganz egal, ob der heute auftaucht oder noch in seinem Körbchen chillt. Dein Hund hat verknüpft, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, in diesem Gebiet auf seinen Feind zu treffen, weil es schon öfters vorgekommen ist. In der Fachsprache heisst das «Kontextlernen».
Lernen findet immer in einem Kontext statt, genauso wie Verhalten
Würdest du mit deinem Hund an einem anderen Ort aus einer Haustüre gehen, sähe die Situation vermutlich anders aus. Der Hund antizipiert in einem ihm vertrauten Umfeld oder Kontext, dass das Ereignis XY wieder dort stattfinden wird. Er hat die Umgebung mit dem Ereignis verknüpft. Das Kontextlernen ist ein ganz wichtiger Faktor, wenn es darum geht, unerwünschtes Verhalten zu verändern oder auch erwünschtes Verhalten zu aktivieren.
Damit es verständlicher wird, schauen wir weitere Beispiele dazu an
Beispiel eins, die Sache mit der Welpenschule: Dein neun Wochen junger Welpe ist am ersten Kurstag in der Welpengruppe auf dem Hundeplatz von einem viel grösseren und älteren Welpenkollegen gejagt, gemobt und zudem noch überrannt worden. Ein echt doofes und schmerzhaftes Erlebnis für einen Welpen. Nach dieser unschönen Lektion ist sein Bedürfnis nach Sozialkontakt auf einen Tiefpunkt gesunken. Eine Woche später das zweite Welpentreffen auf demselben Platz. Du hebst deinen Welpen aus dem Auto und gehst langsam mit ihm in Richtung Hundeplatz. Dieser sieht das Eingangstor und ergreift panisch die Flucht, sobald seine vier Pfoten den Boden berühren. Auf keinen Fall möchte er wieder in den Ring steigen und vermöbelt werden. Er weigert sich, auch nur eine Pfote auf den Hundeplatz zu setzen. Der Kontext «Hundeplatz» ist für ihn sehr negativ besetzt.
Beispiel zwei, die Sache mit dem Traktor: Du bist mit deinem noch etwas ängstlichen Hund aus dem Tierschutz unterwegs. Ihr geht entlang einer Wiese auf einem Feldweg bei euch um die Ecke. Plötzlich fährt von hinten ein Traktor sehr laut und in schnellem Tempo nahe an euch vorbei. Dein Tierschutzhund wird panisch, flüchtet in die nächste Wildstaudenhecke und bleibt dort für die nächste halbe Stunde liegen. Nach etlichem guten Zureden schaffst du es, dass er physisch wieder aus dem Busch kommt. Psychisch steckt er immer noch in der Krise. Für die nächsten Tage meidest du diese Gegend und suchst dir andere Spazierorte aus. An einem ruhigen Tag ein paar Wochen später, du denkst schon gar nicht mehr an den Vorfall, geht ihr zusammen auf diesem Feldweg entlang. Dein Hund verlangsamt, du motivierst ihn weiterzugehen und überlegst noch kurz, was ihn denn auf einmal so ängstigt. Dein Hund macht einen Riesensatz und flüchtet in die Hecke. Was ist da passiert? Dein Hund und hat das besagte Auslaufgebiet mit dem Traktor respektive mit seinem Schrecken verknüpft. Der Kontext löst in ihm Panik und Angst aus, als ob er wieder mitten in der Situation drinstecken würde.
Noch ein letztes Beispiel drei, die Sache mit dem Jagen, welches sehr eindrücklich aufzeigt, wie ein Kontext Verhalten hervorrufen kann. Du hast einen jagdlich motivierten Hund übernommen und gehst mit ihm im Wald spazieren. Die ersten zwei Mal geht das ganz ordentlich. Dein Huskymischling zeigt zwar Interesse, guckt mal hier und wittert mal dort ein bisschen in den Wald, aber alles durchaus im Rahmen.
Wie du gerade innerlich aufatmest und denkst: «So schlimm wie vorausgesagt ist es wohl gar nicht mit dem Jagen», steht plötzlich ein Reh vor euch auf dem Waldweg. Dein Hund startet und beschleunigt in vier Sekunden von 0 auf gefühlte 50 km/h. Sowohl Reh wie Hund verschwinden im Wald und du stehst da ohne Leine aber mit einer Brandblase an der Handinnenfläche. Nach einer gefühlten Ewigkeit taucht dein Hund wieder aus dem Dickicht auf, zum Glück ohne Reh, und auch sonst sind keine verdächtigen Spuren an ihm zu entdecken. Der Schock sitzt tief und dein Vertrauen in den vermeintlich nicht jagenden Hund ist auf einen Tiefpunkt gesunken.
Dein Hund hat gerade eine super Kontext-Lernerfahrung gemacht, die da heisst: «In diesem Waldgebiet besteht die sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass Wild auftaucht.» Genau wie der Hund mit seinem Erzfeind im Revier wird auch dein Hund fortan im Wald mit einer hohen Erwartungshaltung, dem sogenannten «Seeking» unterwegs sein.
Was machen wir nun mit diesem Kontext?
Der Kontext ist immer verknüpft mit den Reizen, die dort auftauchen oder dort zu erwarten sind, nachdem der Hund diese Lernerfahrung gemacht hat. Der Kontext ruft dementsprechend zuerst die Emotion hervor, welcher dann das Verhalten folgt.
Die erste Massnahme in der Verhaltensmodifikation ist immer, den Kontext gegenzukonditionieren oder zu reframen, also in einen anderen Zusammenhang zu stellen, respektive anderes Verhalten in diesem Kontext zu ermöglichen. Der Hund soll, kurz zusammengefasst, eine andere Erwartung haben und damit einhergehend eine andere Emotion/Motivation als die bisherige.
In einem jagdlichen Kontext ist das Refraimen tatsächlich sehr viel schwieriger als beispielsweise in einem Umfeld wie dem Territorium vor der Haustüre oder dem emotional negativ besetzten Hundeplatz. Jagen ist nun mal sehr hoch selbstbelohnend.
Zusammengefasst lässt sich festhalten: Je stärker die emotionale Beteiligung bei einer Lernerfahrung in einem bestimmten Kontext ist, desto aufwändiger ist das Reframen des entsprechenden Kontextes. Nur an einem unerwünschten Verhalten zu arbeiten und den Kontext aussen vor lassen bringt wenig Erfolg.
«Lernen findet immer in einem Kontext statt. Ohne Kontext kein Verhalten.»
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