Weniger tun, mehr sein – wie Ruhe deinen Hund glücklicher macht
Zuviel von allem bewirkt das Gegenteil
Viele Hunde wirken heute rastlos, fordernd und überdreht – aber nicht, weil sie zu wenig bekommen, sondern weil sie zu viel bekommen. Zu viel Aktion, zu viel Aufmerksamkeit, zu viel Erwartung.
Was eigentlich mit guter Absicht geschieht, verwandelt sich schleichend in Dauerstress – für Mensch und Tier. Ein paar Gedanken aus meinem Alltag mit Hunden:
Ein Phänomen, das ich schon länger beobachte: Immer mehr Hunde können sich nicht mehr richtig entspannen und sind in einer Dauererwartungshaltung. Kaum bewegt sich der Mensch in der Wohnung, springt der Hund von seinem Liegeplatz hoch, um ja nichts zu verpassen – als ob er immer mit einem offenen Auge schlafen würde.
Bleibt der Mensch auf dem Spaziergang mal einen Moment stehen, um sich mit jemandem zu unterhalten, fängt Fido an, in die Leine zu beißen oder vor sich hin zu jammern.
Auslastung um jeden Preis
Die Hunde müssen heutzutage mindestens drei Mal am Tag an der Leine durch die Gegend traben, zusätzlich vier Beschäftigungsaufgaben lösen, mit mehreren Hundekumpels Kontakt haben auf der Wiese und den Spaziergang mit einem Stadtbesuch abschließen, damit der Mensch am Abend mit seinem Auslastungsprogramm für den Vierbeiner zufrieden ist.
Der denkt aber gar nicht daran, müde zu sein! Nach dem erarbeiteten Abendessen aus dem Futterball fährt er erst so richtig hoch.
„Oh je, nicht ausgelastet“, denkt der Mensch – und holt das Geschicklichkeitsspiel für seinen Liebling aus dem Regal. In zwei Minuten ist die Aufgabe erledigt und Klein-Fido flitzt wie ein Duracelhündchen über die Polstergruppe.
Der krönende Abschluss ist eine Attacke auf die Unterschenkel seines Menschen, um dann gefühlt zehn Minuten später in einen unruhigen Schlaf zu fallen. Der Mensch sinkt erschöpft auf das schwer in Mitleidenschaft gezogene Sofa und denkt darüber nach, was er morgen seinem Hund zusätzlich bieten kann, damit dieser endlich müde wird.
Gut gemeint – schlecht für den Hund
Aus meiner Sicht liegt das Hauptproblem darin, dass die Menschen in bester Absicht ihren Hund „auslasten“, sprich: ihn dauerbespassen. Und dem Hund permanent, vierundzwanzig Stunden am Tag, die volle Aufmerksamkeit schenken.
Hunde haben in unserer Gesellschaft einen Stellenwert angenommen, mit dem sie sehr oft gar nicht mehr klarkommen. Sie sind zuständig für das Hobby oder die Bedürfnisbefriedigung ihres Menschen – Dummytraining, Hundesport, Mantrailing, Agility, Besuchshund im Altersheim etc. – und fungieren nicht selten als Kind- oder Partnerersatz. Oder als Spiel- und Kuscheltier für die Jungmannschaft.
Der Wunsch wird von den Augen abgelesen
Jeder Wunsch wird dem kleinen Welpen oder Junghund von den Augen abgelesen. Jeder Rülpser und jeder Schluckauf wird kommentiert oder in den sozialen Medien diskutiert. Immer mehr Beiträge und Videos überfluten das Netz – und die Gehirne der Hundehalter. Alles dreht sich um des Menschen besten Freund.
Was Freundschaft wirklich braucht
Wieso kann Freundschaft nicht ruhiger stattfinden? Entspannter? Aus einer inneren Zufriedenheit heraus – und nicht aus einem Gefühl des Mangels?
Weniger ist oft so viel mehr.
Zusammen den Abend auf dem Sofa genießen. In der Natur in stiller Übereinkunft unterwegs sein und das Balli in der Tasche lassen. Zu Hause dem Hund seinen eigenen Raum zugestehen – ihn im tatsächlichen Sinne des Wortes in Ruhe lassen.
Kein Hund möchte, dass man ihm jeden vermeintlichen Wunsch von den Augen abliest, dauernd an ihm rummacht oder ihn zu irgendetwas animiert.
Zum Schluss
Vielleicht ist es an der Zeit, unseren Hunden wieder mehr zuzutrauen – und ihnen das zu geben, was sie wirklich brauchen: Ruhe. Verlässlichkeit. Zeit zum Nichtstun.
Nicht jeder Tag muss voller Highlights sein. Nicht jeder Moment muss gefüllt werden. Wirklich verbunden sind wir nicht im Tun, sondern im Sein.
Ein entspannter Hund ist kein unausgelasteter Hund. Sondern ein Hund, der innerlich zur Ruhe kommen darf.
In diesem Sinne:
«Und vielleicht lernen wir dabei sogar selbst ein bisschen mitzuatmen.»
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