Mein Hund war ganz brav in der Tierarztpraxis und so ruhig!
«Er war ganz brav und hat stillgehalten»
Das ist oft die Antwort auf meine Frage, wie der Besuch beim Tierarzt oder beim Hundecoiffeur gelaufen ist. Ganz egal, ob es um eine Impfung geht, eine Ohruntersuchung, das Krallenschneiden, Waschen, Felltrimmen oder andere Pflege oder Tierarztbehandlungen. Der Hund hält einfach still.
Frage ich genauer nach, ähneln sich die Berichte stark: Kaum ist der Hund auf dem Behandlungstisch gelandet, steht er ruhig da und bewegt sich nicht. Natürlich gibt es auch Hunde, die nicht als besonders pflegeleicht gelten und schnell als schwierig abgestempelt werden. Für viele Menschen ist es angenehmer, wenn der Hund wie ein Lamm alles über sich ergehen lässt.
Lieber erstarren als sich wehren
Freezen statt fighten spart Energie, Zeit und Ressourcen. Also diejenigen des Menschen! Ein Hund, der sich lautstark oder körperlich gegen unangenehme Berührungen wehrt, ist deutlich anstrengender im Handling als einer, der einfach stillhält und alles über sich ergehen lässt. Doch dieser scheinbar brave Hund zeigt in vielen Fällen schlicht ein stressbedingtes Erstarren.
Weitere Stressreaktionen: Flirt und Flight
Neben dem Erstarren gibt es noch zwei weitere typische Reaktionen in stressigen Situationen, nämlich Flirt und Flight. Viele Hunde zeigen beim Tierarzt ein übermässiges Lecken des Gesichts oder der Hände von Menschen. Nicht aus Zuneigung, sondern um zu beschwichtigen. Dem sagt man Flirt.
Die Flucht wäre ebenfalls eine logische Reaktion: Vom Tisch springen, zur Türe raus, ab ins Auto. Doch das ist kaum möglich, da die Tiere meist daran gehindert werden.
Warum funktioniert es beim Tierarzt, aber nicht zu Hause
Zurück zu meiner Eingangsfrage: Wie kann es sein, dass ein Hund in der Praxis keine Miene verzieht, aber zu Hause bei der kleinsten Pflegemassnahme gestresst reagiert? Ich würde mir oft ein Video aus der Tierarztpraxis oder aus dem Hundecoiffeursalon wünschen, um den Hundehaltenden aufzuzeigen, wie es ihrem Hund tatsächlich geht. Viele Menschen erkennen nicht, dass ihr Hund in solchen Momenten starken Stress empfindet. Hauptsache ruhig, selbst wenn der Hund innerlich völlig überfordert ist.
Viele positive Wiederholungen sind das Erfolgsrezept
Damit ein Hund Pflegemassnahmen gelassen und gerne mitmacht, braucht es viele positive Wiederholungen. Das ist echtes Training und muss im Alltag sehr oft geübt werden. Doch genau da sinkt bei vielen die Motivation, denn in der Tierarztpraxis klappt es doch auch so, ohne zu üben. «Er war ja ganz brav.»
Menschen, deren Hunde sich deutlich gegen Berührungen wehren, sind oft eher bereit Medical Training oder andere Pflegeschritte gezielt zu trainieren. Dabei wäre es für alle Hunde wichtig, solche Situationen in kleinen, stressfreien Sequenzen kennenzulernen und erfahren zu dürfen.
Was wir für ein Fazit daraus ziehen
Ein ruhiger Hund ist nicht automatisch ein entspannter Hund. Gerade im Kontext von Pflege und Behandlung lohnt es sich, genau hinzusehen. Hunde, die scheinbar brav stillhalten, zeigen oft subtile Stresssignale oder sind innerlich völlig überfordert. Echte Kooperation entsteht nicht durch Aushalten, sondern durch Vertrauen, Gewöhnung und kleinschrittiges Üben. Wer bereit ist, die Bedürfnisse seines Hundes ernst zu nehmen und gemeinsam zu trainieren, schafft langfristig mehr Wohlbefinden für Mensch und Tier.
«Die Realität ist nicht immer so, wie du sie gerne sehen möchtest. Und äusser Ruhe ist nicht immer ein Ausdruck innerer Gelassenheit.»
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