Vom Welpenfutterkreis auf direktem Weg zur Ressourcenverteidigung
Wenn Fütterung Konkurrenz schafft
Nett schaut es aus, wenn mehrere Welpenpopos mit erhobener Rute im Kreis stehen, die Köpfe tief über den Futterschüsseln. Nichts auf der Welt könnte sie davon abbringen, den Welpenbrei gierig in sich hineinzuschlabbern. Wer am schnellsten frisst, ist danach am sattesten. Es wird geschubst und gedrückt, um eine möglichst gute Position an der Quelle des Futterglücks zu ergattern.
Welpen mit einer etwas schwächeren Kämpfernatur haben dabei das Nachsehen. In jedem Wurf gibt es kleine Aschenputtel, die zumindest am Welpenfutterkreis zu kurz kommen. Aus so einem zu kurz gekommenen Aschenputtel-Welpen kann später ein ressourcenverteidigender Junghund werden. Es sei denn, er zieht es vor, dauerhaft in der zweiten Reihe zu bleiben.
Diese Art der Fütterung sorgt dafür, dass sich der Stärkere durchsetzt. Auch wenn Züchter immer wieder argumentieren, sie würden eingreifen und die schwächeren Welpen bewusst an den Kreis setzen. Wie muss sich so ein Welpe fühlen, der links und rechts zwei gierige Mitesser hat, die permanent über den nicht vorhandenen Tellerrand schielen.
Das Recht des Stärkeren im Welpengehege
Weshalb sich diese Art der Welpenfütterung so hartnäckig hält, entzieht sich meiner Logik. Das Recht des Stärkeren bereits im Welpengehege zu fördern und zu zelebrieren, erachte ich nicht nur als ungünstig, sondern als ausgesprochen kontraproduktiv.
Sogar ein sehr selbstbewusster Welpe befindet sich während dieser Fütterung in keiner emotional entspannten Stimmung. Er ist im Futterwettstreit gefangen und permanent gefordert. Immer wieder lerne ich Welpen und Junghunde kennen, die genau so gefüttert wurden und später eine deutliche Neigung zur Ressourcenverteidigung zeigen – und das nicht nur am Futternapf, sondern in unterschiedlichen Situationen im Alltag.
Ich spreche hier ganz bewusst nicht von Ressourcenaggression. Eine Ressource für sich beanspruchen zu wollen, ist ein völlig normales Verhalten und keineswegs nur bei Hunden zu beobachten. Auch wir Menschen sind sehr geübt darin, Ressourcen für uns zu sichern. Wer am Wühltisch oder in der Schlange am Skilift die Ellbogen am entschlossensten einsetzt, ist klar im Vorteil.
Wenn Essen zum Überlebensfaktor wird
Für einen Welpen, der am Futterkreis immer wieder zu kurz kommt oder um seinen Platz kämpfen musste, wird alles, was mit Nahrungsaufnahme zu tun hat, überdurchschnittlich wichtig. Mit neun Wochen zieht ein solcher Welpe bei seinen neuen Eltern ein.
Diese berichten dann entsetzt, dass ihr kleiner süsser Welpe sie heftig anknurrt, wenn sie ihm eine Kausehne wegnehmen wollen oder sich seinem Napf nähern, während er frisst. Daraufhin erhalten sie häufig den gut gemeinten Ratschlag, dieses freche Verhalten auf keinen Fall zu dulden. Man solle dem Welpen zeigen, wer im Haus das Sagen hat. Die Ressource müsse sofort weggenommen werden und Knurren oder Lefzenkräuseln dürfe man keinesfalls durchgehen lassen.
Gesagt, getan. Mit dem Resultat, dass die Situation eskaliert, die Beziehung einen massiven Knacks erhält und das Ressourcenthema zu einem immer grösseren Problem anwächst.
Prävention statt Eskalation
Wie so oft ist Vorbeugen die beste aller Varianten. Wurde in der Zuchtstätte diese Chance verpasst oder die Ressourcenverteidigung durch die beschriebene Fütterung sogar gefördert, lässt sich dennoch einiges tun.
Voraussetzung ist, dass du die kleinsten Anzeichen deines Welpen erkennst und situativ darauf eingehen kannst. Hole dir unbedingt Unterstützung bei einer Fachperson, die dem gewaltfreien Hundetraining verbunden ist. Auf keinen Fall schimpfst du mit deinem Welpen. Stattdessen sorgst du dafür, dass er die Erfahrung macht, dass deine Annäherung an eine für ihn wichtige Ressource immer mit einem positiven Gefühl verbunden ist. Weil es sich für ihn immer lohnt.
Schau dir Videos zur Körpersprache an. Achte auf kleinste Veränderungen in Mimik und Körperhaltung. Warte nicht, bis die Situation eskaliert.
Ein Appell an die Zuchtstätten
Den Zuchtstätten empfehle ich dringend, ihr Fütterungskonzept zu überdenken und zu verändern. Zum Beispiel, indem mehrere getrennte Futterstellen eingerichtet werden und jeder Welpe in Ruhe seinen Napf leerfressen kann. Ganz ohne Konkurrenz durch die Wurfgeschwister.
Das ist aus meiner Sicht eine zentrale präventive Massnahme im Sinne von Prevent a Bite und entspricht dem Grundgedanken eines bedürfnisorientierten und achtsamen Umgangs mit den uns anvertrauten Hundekindern.
Liebe Züchterinnen und Züchter, ihr tragt eine immens grosse Verantwortung.
«Ressourcenverteidigung kann in jedem Alter auftreten, deshalb schaffen wir von Anfang an positive Emotionen an Ressourcen.»
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