Wenn intensive Düfte Hunde verduften lassen
Ein Termin zur Randzeit
Kurz vor Weihnachten habe ich am Abend noch einen Termin mit meinem Versicherungsberater abgemacht. Steht selbstverständlich in meiner Agenda drin. Im wahrsten Sinn des Wortes. So selbstverständlich und unscheinbar zu einer Randzeit, dass er erst mit dem Erinnerungssignal meines Handys wieder in mein Bewusstsein trat.
Schneller Check auf der Uhr, noch fünf Minuten bis zu unserem Termin.
Kontrollblick in den Hausflur und in die Küche, weil wir uns sicher dort an den Tisch setzen werden. Alles prima, wie ich finde. Mit ein paar Hundehaaren auf dem Boden muss man bei uns hundebedingt rechnen. Ansonsten entspanne ich mich innerlich.
Der Moment, in dem die Luft kippt
Während ich nochmals die Treppe hochrenne ins Büro, um meinen Laptop zu holen, ertönt die Türklingel. Ich renne die Stufen wieder hinunter, halte unvermittelt inne und gleich darauf die Luft an.
Der äusserst penetrante Duft eines Raumsprays dringt tief in mein Riechorgan, lässt den Trigeminusnerv feuern, um diese ätzenden Geruchspartikel in Sekundenbruchteilen an die Medulla oblongata weiterzuleiten. Während ich noch mit Niesen beschäftigt bin, eilt mein Lebenspartner zur Tür. Er hat die Türklingel auch gehört und bittet unseren Gast, nennen wir ihn Herrn Noller, herein. In der Hand hält er immer noch das Corpus delicti, den Raumspray.
Professionell bleiben, auch wenn es in der Nase juckt
Nach mindestens fünf Niesern habe ich mich einigermassen erholt und schaue mich zuerst kurz nach den Hunden um. Sie sind verschwunden, obwohl sie sonst gerne mit dabei sind, wenn Besuch kommt. Ich begrüsse Herrn Noller, der mit einem leichten Nasenkräuseln noch im Flur steht. Ganz Profi lässt er sich nichts anmerken. Er fragt auch nicht nach, was es mit dem penetranten Duft auf sich hat. Möglicherweise war er etwas verschnupft.
Rückzug ist auch eine Antwort für ein empfindliches Riechorgan
Schnell beordere ich uns alle in die Küche, wo die Luft deutlich reiner ist. Wer während des Besuches nicht mehr auftaucht, sind die beiden Hundedamen. Was zu viel ist für ein empfindliches Riechorgan, ist einfach zu viel.
Was dabei oft vergessen geht: Der Unterschied zwischen menschlicher und hündischer Wahrnehmung ist nicht einfach eine Frage von «etwas sensibler». Der Mensch verfügt über rund 5 bis 6 Millionen Riechzellen auf etwa 5 cm² Riechschleimhaut. Beim Hund sind es je nach Rasse 150 bis 300 Millionen Riechzellen auf bis zu 150 bis 170 cm², ergänzt durch stark gefaltete Nasenmuscheln, die Duftinformationen vervielfachen. Ein Hund besitzt damit rund 25 bis 50 Mal mehr Riechzellen als wir Menschen. Funktional ist seine Riechleistung sogar 10 000 bis 100 000 Mal feiner. Was für uns kaum wahrnehmbar ist, kann für einen Hund bereits eine massive Reizüberflutung bedeuten.
In diesem Sinne:
«Die Maskenpflicht aus der Coronazeit hätte zumindest mir heute Abend aus der Peinlichkeit rausgeholfen.»
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