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Was bleibt von einer Kultur, wenn KI würzt?

Streuwürze als Prinzip

Sicher kennst du die Streuwürze.
In der Schweiz seit meiner Kindheit ein äusserst bekanntes und viel genutztes Produkt. Eine rote Figur auf gelbem und grünem Grund, die an eine Art Suppenkaspar erinnert. Diese Streudosen stehen in unzähligen Restaurants auf dem Tisch, bereit zum Nachwürzen der bestellten Speisen.

Der Trick an diesem Produkt ist aus meiner Sicht simpel: Selbst ein nicht besonders gut gekochtes Gericht wird dank dem beigefügten Glutamat noch so etwas wie essbar. Der Eigengeschmack der ursprünglichen Speise wird überlagert. Nicht verbessert, sondern zugedeckt.
Die Streuwürze zeichnet sich durch ihren starken Umami Geschmack aus. Umami bedeutet herzhaft, würzig, vollmundig. Diese Geschmacksrichtung ist dem erwähnten Glutamat zu verdanken.

Der Umami Einheitsbrei 

Mich fasziniert, wie sich im Prinzip jedes Gericht in ein Umami Einheitsformat verwandeln lässt. Oder anders ausgedrückt: in einen Umami Einheitsbrei. Hast du eine Speise gekostet, kannst du dir weitere Verkostungen sparen. Alles schmeckt gleich. Und irgendwann nur noch langweilig.

KI Texte als sprachliche Streuwürze 

Genauso empfinde ich viele KI generierte Texte.
KI Texte sind für mich mit Streuwürze Umami bearbeitete Texte. Nicht etwa, weil sie besonders würzig oder spannend wären. Ganz im Gegenteil. Sie enthalten immer dieselben Zutaten. Sie folgen einer typischen Dramaturgie, benutzen dieselbe Sprache und denselben Satzbau.

Glatt, konfliktscheu und einschläfernd 

Die Sprache wirkt unpersönlich, selbst bei sehr emotionalen Themen. Sie vermeidet Ecken und Kanten, ist konfliktscheu, glatt und bezieht selten klar Stellung. Der Satzbau ist einfach. Oft wird Hauptsatz an Hauptsatz gereiht. Die individuelle Rhythmik, die einen Text lebendig und spannend macht, geht dabei verloren. Die Sätze sind auffallend gleich lang. Auf mich wirkt das einschläfernd.

Diese Texte lassen keine Fragen offen. Und genau deshalb lösen sie in mir keinen gedanklichen Diskurs aus. Die Haltung des Autors oder der Autorin kommt bei mir nicht an. Oft ist schlicht keine da. Selbst dann nicht, wenn ich davon ausgehe, dass das Thema dem Menschen hinter dem Text eigentlich wichtig wäre.

Die immer gleichen Wörter

Hinzu kommt eine auffällige Wortwahl.
Es gibt Adjektive und Adverbien, die KI fast immer benutzt: echt, wichtig, klar, besonders, sehr, dabei. Worte, die korrekt klingen, aber wenig tragen. KI meidet Wörter, die emotionaler sind, sperriger, riskanter. Am oft gewählten Wort «echt» wären menschlichere Varianten zum Beispiel: spürbar, greifbar, roh, ungefiltert. Statt «wichtig» könnte man sagen: unverzichtbar, heikel, tragend, nicht verhandelbar.

Verarmung von Sprache und Ausdruck

Mich langweilen diese KI Texte auf Facebook enorm.
Ich lese zwei Sätze und scrolle weiter. Beim nächsten Beitrag stelle ich enttäuscht fest: schon wieder KI. Für mich ist das eine spürbare Verarmung von Sprache und Ausdruck.

Wenn eine Kultur verarmt, zeigt sich das als Erstes im Zerfall der Sprache. Eigenes Denken und Reflektieren weichen Sprachschablonen, die wie Streuwürze über sämtliche Inhalte gestreut werden. Diese Vereinheitlichung von Sprache zieht sich durch die Menschheitsgeschichte. Sie findet sich in allen Umbruchzeiten, etwa am Ende der römischen Antike, aber auch in totalitären Systemen, in denen Sprache zensuriert und gleichgeschaltet wurde.

Nicht KI ist das Problem

Mit KI passiert gerade etwas Ähnliches. Nicht, weil KI existiert, sondern weil Menschen aufhören, selber zu denken, Texte nicht mehr selbst formulieren, fremde Inhalte übernehmen, von KI umschreiben lassen und diese anschliessend als eigene Leistung ausgeben.

Ich habe nichts gegen KI. Ich nutze sie selbst, etwa für Bilder oder für die Korrektur meiner Texte. Oder für das Erstellen einer Kurzvariante meiner Text für Insta. Was mich stört, ist der Moment, in dem Denken ausgelagert wird und Sprache zur Massenware verkommt.

Eine tote Sprache

Was ich an KI Sprache besonders langweilig finde, ist, dass sie nicht lebt. Sie ist eine tote Sprache. Sie imitiert zwar das Leben, entsteht aber nicht aus dem Leben heraus. Der Autor oder die Autorin ist für mich in so einem Text überhaupt nicht spürbar, geschweige denn greifbar.

Am Ende einer Epoche steht oft der Zerfall einer Kultur. Und fast immer auch der Zerfall ihrer Sprache. Wenn wir aufhören, selber zu denken und die Verantwortung für unsere Sprache an eine künstliche Intelligenz abgeben, verlieren wir mehr als nur Worte. Wir verlieren unseren Ausdruck, unsere innere Haltung und die Fähigkeit, uns selbst in unserer Sprache wiederzufinden.

In diesem Sinne:
 

«Ich frage mich sehr, wohin unsere literarische KI Reise gehen wird.»

 

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