Unachtsamkeit des Menschen, gefolgt von einer Korrektur des Hundes
Szene eins
Zwei Menschen mit Hund nähern sich auf dem Spazierweg. Offenbar kennen sie sich. Schon von weitem rufen sie sich ein lautes Hallo zu. Die Hunde preschen an der Leine nach vorne. Aus der Distanz sind nun zwei Menschen zu sehen, die von ihren Hunden zum anderen Team hingezogen werden. Sekunden später entsteht ein Gewirr aus Leinen. Die Menschen rufen Nein, Aus, Hier. Die Worte hängen wie Sprechblasen in der Luft. Endlich gelingt es, die Hunde an der Leine wegzuzerren. Es wird geschimpft, ein harsches Platz beendet die Szene.
Szene zwei
Ein Mensch mit dem Handy vor dem Gesicht, daneben ein angeleinter Hund. Der Hund geht ruhig neben seinem Menschen her. Dieses schöne Verhalten bleibt unbeachtet. Der Blick des Menschen hängt am Bildschirm fest. Erst als der Hund die Nase zum Schnüffeln senkt und es einen kurzen Ruck gibt, reagiert der Mensch. Nicht etwa, indem er das Handy wegpackt, sondern mit einem Leinenruck und einem scharfen Nein.
Der Hund als Projektionsfläche
Du darfst dir gerne eine weitere der unzähligen Szenen vor Augen führen, in denen ein Hund für ein vermeintliches Vergehen bestraft wird. Und zwar einzig deshalb, weil der Mensch unachtsam war.
Was mich dabei irritiert, ist die selbstverständliche Fremdattribuierung. Der Hund ist der Fehlbare. Er wird korrigiert. Für die Unkonzentriertheit und Ablenkung seines Menschen. Der Hund soll sich ständig einstimmen, soll seinen Menschen lesen, im Blick behalten. Der Mensch hingegen erlaubt sich, unkonzentriert unterwegs zu sein.
Präsenz ist keine Einbahnstrasse
Wie soll der Hund wissen, was in einer bestimmten Situation von ihm erwartet wird, wenn der Mensch selbst nicht präsent ist? Statt ihm ein Alternativverhalten zu ermöglichen, etwa sich am Menschen zu orientieren oder sich neben ihn zu setzen, lässt man ihn in den Fehler laufen. Um ihn danach zurückzuzerren.
Wenn wir von unseren Hunden Aufmerksamkeit verlangen, ist es das Mindeste, selbst aufmerksam zu sein. Hunde haben feinere Antennen als wir. Hellsehen müssen sie deswegen trotzdem nicht.
In diesem Sinne:
«Dein Hund zeigt dir auf, wo du nicht achtsam warst. Nicht umgekehrt.»
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